Wann bringt mir mein ETF eigentlich Geld? Wie funktioniert der Zinseszins bei ETFs? Da läuft es ja ganz anders als auf dem Bankkonto. Und macht es eigentlich einen Unterschied für den Zinseszins, ob wir unser Geld in einem ETF haben oder auf mehrere aufteilen?
Dazu haben wir eine Frage von Frauke erhalten:
Ich verstehe bis heute den Zinseszinseffekt bei Aktien-ETFs nicht. Ich habe euren Kurs besucht und KI befragt. Es ist mir peinlich, das zu fragen, aber die Frage löst sich nach 1,5 Jahren noch immer nicht. Ich habe zum Beispiel 10.000 Euro am 1.1.2024 in Aktien-ETFs investiert. Je nachdem, wie der Kurs steht, habe ich am 1.6.2024 10.600 Euro und am 01.01.2025 nur 10.200 Euro an Geld im ETF. Wo ist da der Zinseszins? Es werden ja nicht, wie bei einem Tagesgeldkonto, regelmäßig Zinserträge ausgezahlt, auf die ich dann wiederum Zinsen erhalten würde und somit mein Geldbetrag ständig steigt. – Frauke
Wie funktioniert der Zinseszins bei Aktien-ETFs?
Der Begriff „Zinseszins“ passt bei ETFs nicht so richtig. Im Englischen nennt man das „compounding effect“, was den Sachverhalt besser beschreibt, da es unabhängig vom Begriff Zins ist. Man kann es auch den Schneeball-Effekt nennen. Beim Tagesgeld ist es einfach: Du bekommst jedes Jahr Zinsen ausgezahlt, und im nächsten Jahr gibt es dann Zinsen auf diese Zinsen – das ist der klassische Zinseszins.
Bei Aktien-ETFs funktioniert das anders und setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Du bekommst keinen fixen Zins, sondern der ETF steigt im Wert – das ist sozusagen Dein „Zins“. Und wenn der ETF Dividenden ausschüttet und Du die wieder anlegst (oder er sie automatisch thesauriert), dann wächst Dein Investment weiter – auch das gehört zum Zinseszins.
Ein Rechenbeispiel mit 8 % Rendite pro Jahr:
Nehmen wir an, Du investierst 10.000 € und erzielst jedes Jahr eine durchschnittliche Rendite von 8 %. Im ersten Jahr wächst Dein Kapital auf 10.800 €, Du machst also einen Gewinn von 800 €. Im zweiten Jahr werden aus diesen 10.800 € dann 11.664 €, was einem Gewinn von 864 € entspricht – also schon 64 € mehr als im Vorjahr. Im dritten Jahr wachsen die 11.664 € auf 12.597 €, und der Gewinn beträgt nun 933 €.
Mit jedem Jahr steigt der absolute Gewinn, weil Du nicht nur auf Dein ursprüngliches Kapital, sondern auch auf die bereits erzielten Gewinne wieder Rendite bekommst. Es wächst also nicht jedes Jahr um denselben Euro-Betrag, sondern der Sprung wird immer größer. Das ist genau der Zinseszinseffekt – nur eben über Kursgewinne und Dividenden, nicht über feste Auszahlungen.
Weil Aktienkurse schwanken, sieht man das manchmal eine Weile nicht. Wenn der Wert beispielsweise erst auf 10.600 € steigt und dann wieder auf 10.200 € fällt, ist das ganz normal. Deine ETF-Anteile gehören Dir immer noch. Wenn der Kurs später wieder steigt, geht es genau da weiter, wo Du vorher warst. Der Zinseszins hat nur Pause gemacht.
Außerdem bekommst Du im Schnitt, aber nicht konstant 8 % – mal mehr, mal weniger. Das verlangsamt oder beschleunigt den Effekt und macht ihn schwer erkennbar. Solange es nach oben geht, bekommst Du wieder Prozente auf den Wert, den Du schon hast, und darin sind ja auch die Gewinne aus den Vorjahren enthalten. Entscheidend ist: Wenn Du investiert bleibst, setzt sich der Effekt über die Jahre durch. In den ersten Jahren ist der Unterschied klein – aber nach 15, 20 oder 30 Jahren macht der Zinseszins den größten Teil Deiner Rendite aus.
Macht es einen Unterschied, ob ich einen oder mehrere ETFs bespare?
Ist es im Hinblick auf den Zinseszinseffekt besser, mehrere ETFs zu besparen, um diversifiziert zu sein, oder sollte man sich auf einen oder zwei ETFs konzentrieren? – Ragna
Das ist ein typisches Missverständnis. Zunächst einmal: Diversifikation ist super wichtig, aber die Welt lässt sich schon mit ein bis zwei ETFs abbilden. Das hat nichts mit Zinseszins zu tun, sondern dabei geht es um möglichst viel Rendite bei möglichst niedrigem Risiko.
Zum Zinseszins: Der Zinseszins rechnet nicht „Ah, Du hast drei ETFs, dann verdoppel ich mich schneller!“ Meistens kommt die Frage auch andersrum, also ob es dem Zinseszins schadet, wenn man sein Geld auf mehrere ETFs aufteilt. Beides ist egal: Er funktioniert auf den Gesamtwert Deines Depots – egal, ob der in einem ETF liegt oder auf drei aufgeteilt ist.
Rechenbeispiel:
Du hast 10.000 € investiert. In Variante A packst Du alles in einen ETF mit 8 % Durchschnittsrendite und hast nach einem Jahr 10.800 €. In Variante B verteilst Du je 5.000 € auf zwei ETFs, die beide im Schnitt ebenfalls 8 % bringen. Nach einem Jahr hast Du bei jedem ETF 5.400 €, also zusammen ebenfalls 10.800 €. Der Zinseszins ist in beiden Fällen identisch, denn er hängt nur von der Rendite ab, nicht von der Anzahl der ETFs.
Kurz gesagt: Der Zinseszins interessiert sich nicht dafür, ob Du ein Depot, zwei ETFs oder zehn hast – er funktioniert einfach, solange das Geld investiert bleibt und sich vermehrt.
Falls Du auch eine Frage an uns hast, kannst Du sie hier einreichen.
Wenn Du an ganz praktischen Beispielen sehen willst, wie der Zinseszins funktioniert, dann lies unseren Artikel Warum es nach den ersten 100.000€ immer einfacher wird (Munger-Theorie).
Dieser Artikel basiert auf einer Folge unseres Podcasts. Da wir den gesprochenen Inhalt für Dich verschriftlicht haben, kann es an manchen Stellen etwas umgangssprachlicher zugehen als in einem klassischen Blogartikel.
