Macht sparsam leben unglücklich? In der Finanzwelt heißt es ja immer: „Spar mehr, investier mehr, dann wird alles gut.“ Aber was, wenn man schon längst genug spart und sich trotzdem nicht entspannen kann? Dazu gibt es eine überraschende Studie und eine Hörerfrage, die uns richtig aus dem Herzen spricht.
Hallo Anna, hallo Eddy,
ich hätte gern Eure Einschätzung zu meinem Umgang mit Geld.
Ich merke, dass ich mir selbst zu wenig gönne. Praktisch alle Nicht-Notwendigen-Ausgaben rechne ich auf das Jahr hoch und bewerte sie zusätzlich mit Opportunitätskosten, weil das Geld dann nicht investiert wird (aktuelle Sparrate bereits über 60%).
Das führt inzwischen so weit, dass mir Geldausgeben regelrecht Schmerzen bereitet. Ich komme aus dieser Denkweise kaum mehr raus, kann Ausgaben nicht genießen und habe das Gefühl, mich selbst stark einzuschränken.
Ich würde mich über Eure Hilfestellung freuen – insbesondere über Fragen oder Impulse, woher dieses Verhalten kommen kann und wie man wieder zu einem gesünderen Verhältnis zwischen Sparen, Investieren und Leben findet.
Vielen Dank und liebe Grüße,
Anonym (m/30)
Oh Mann, das kennen wir so gut. Eine Sparrate über 60% und trotzdem Schmerzen beim Ausgeben, das waren wir früher eins zu eins. Und das betrifft mehr Leute, als man denkt, dazu gibt es richtig spannende Untersuchungen.
Der Verhaltensforscher Scott Rick von der University of Michigan hat über 15 Jahre lang genau dazu geforscht und 2024 sein Buch „Tightwads and Spendthrifts“ veröffentlicht. Demnach gibt es tatsächlich Menschen, die beim Geldausgeben echten psychologischen Schmerz empfinden. Er nennt sie „Tightwads“, auf Deutsch am besten „Zwangssparer“. Und das beschreibt unseren Hörer ziemlich genau.
Auf die Erkenntnisse aus dem Buch gehen wir heute auch ein, aber noch ein kurzer Disclaimer vorweg: Was wir heute besprechen, gilt für Leute, die eigentlich schon genug zurücklegen. Wer hingegen hier struggelt, also neben seinen monatlichen Ausgaben zum Beispiel noch nicht mal was für die Altersvorsorge zurücklegt, für den ist diese Folge nicht unbedingt so super hilfreich.
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Also, warum fällt es manchen Menschen so schwer, Geld auszugeben?
Das kennen wir ja selbst von früher, das hattest Du ja schon angedeutet: Obwohl wir bereits ordentlich was auf der Seite hatten, konnten wir es nie genießen, wenn wir uns dann doch mal was gegönnt haben. Und das ging uns tierisch auf den Keks.
Wir haben dann teilweise noch gelebt, als hätten wir kein Geld. Dabei entsprach das längst nicht mehr der Realität!
Es gibt verschiedene Gründe, warum Leute wie unser Hörer – und auch wir früher – so ticken, und da kommt auch die Forschung von Scott Rick ins Spiel. Der hat mit seinem Team sogar Gehirnscans bei Probanden gemacht, während diese Kaufentscheidungen getroffen haben.
Bei Zwangssparern wurde tatsächlich die Schmerzregion im Gehirn aktiviert, wenn sie Geld ausgeben sollten. Rick nennt das den „Pain of Paying“, also den Schmerz des Bezahlens. Das ist keine Einbildung, das ist ein echtes, messbares Signal im Gehirn, das sagt: „Stopp, kauf das nicht!“
Aber Rick unterscheidet ganz klar zwischen genügsamen Menschen und Zwangssparern. Ein genügsamer Mensch spart gerne und genießt das auch. Das wären oft so die klassischen Frugalisten, denen macht das Sparen Spaß.
Ein Zwangssparer hingegen spart unter Stress und Angst und gibt weniger aus, als er eigentlich selbst möchte. Das Ergebnis sieht auf dem Konto gleich aus, aber der Weg dahin ist komplett anders. Laut der Forschung von Rick sind ca. 25% der Menschen Zwangssparer. Also ist unser Hörer damit definitiv nicht allein.
Wie kann das denn sein, also was sind so typische Ursachen für das Zwangssparen?
Angst vor finanzieller Unsicherheit: Bei vielen Leuten, gerade hierzulande, geht das Sicherheitsbedürfnis leider ein ganzes Stück zu weit.
Das Paradoxe dabei ist: Je besessener wir versuchen, jegliches Risiko zu vermeiden und absolute Sicherheit zu erreichen, desto stärker wird das Gefühl der Unsicherheit.
Wir haben dann mit der sogenannten Kontrollillusion zu kämpfen: Wenn wir versuchen, alle Aspekte unseres Lebens zu kontrollieren, werden wir uns oft der zahlreichen Unsicherheiten bewusst, die außerhalb unserer Kontrolle liegen. Hierdurch werden wir immer unsicherer, weil wir erkennen, dass wir uns nicht perfekt absichern können.
Ich glaube, darum trifft das viele Leute in reichen westlichen Ländern wie unseren halt so stark, weil je mehr Wohlstand da ist, desto mehr gibt es vermeintlich zu verlieren. Und desto stärker wird der Drang, alles abzusichern.
Auf jeden Fall sind das Verlangen nach Sicherheit und das Gefühl von Unsicherheit eigentlich zwei Seiten derselben Medaille.
Erziehung: Also erstmal geht es überall ums Sparen. Spartipps findet man an jeder Ecke. Wie man sein Geld sinnvoll ausgibt, darüber spricht fast niemand.
Und das hat auch wiederum Gründe: Die meisten von uns wachsen mit einer bestimmten Sichtweise auf Geld auf. Und unsere Glaubenssätze entstehen schon ganz früh, weil sie in den prägendsten Jahren von unseren Eltern „gefüttert“ werden.
Ja, und Geld haben gilt in Deutschland schnell als böse. Wenn Du bereits als Kind gehört hast, dass Geld böse ist und es Menschen böse macht, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Du diese Denkweisen noch in Deinem Unterbewusstsein hast.
Dann wird das alles dafür tun, dass wir unser Geld nicht genießen, einfach nur, weil im Hintergrund das falsche Programm läuft, ohne dass wir es merken. Und selbst wenn wir es merken, muss man da noch aktiv dran arbeiten, zumindest geht es mir so 🙂
Negative Erfahrungen mit Geldmangel: Umgekehrt ist es genau so: Wenn wir in ärmeren Verhältnissen aufwachsen, sind wir natürlich auch darauf geprägt, unser Geld beisammenzuhalten, damit uns bloß das nicht wiederfährt, was früher los war.
Also entweder hat man diese Muster auch selbst drauf, also man spart zum Beispiel zwanghaft, weil man es so gelernt hat, oder man rebelliert komplett dagegen und haut das Geld raus. Beides sind Extremreaktionen auf die gleiche Prägung.
Ok, aber Sparsamkeit ist doch erstmal was Gutes – wo kippt es dann?
Ja, sein Geld nicht aus dem Fenster zu werfen, ist prinzipiell eine gute Idee. Finanzielle Sicherheit ist in einem bestimmten Maße auch ein ziemlich erstrebenswertes Ziel. Zum Beispiel sollten wir einen Notgroschen für unvorhergesehene Ausgaben haben und genug investieren, um unseren Ruhestand später entspannt finanzieren zu können.
Denn dann können wir unser Leben im Hier und Jetzt auch viel mehr genießen.
Problematisch wird es aber, wenn man zu viel spart. Wenn wir uns nur auf das Investieren für später konzentrieren, werden wir das Leben vermutlich nicht genießen. Wir können auch nicht einfach alles aufschieben, bis wir in Rente gehen. Viele Erlebnisse sind nur möglich und auch genussvoll, wenn wir noch voller Energie stecken und gesund sind.
Sich selbst der gegenwärtigen Abenteuer zu berauben, indem man jeden Cent in sein Portfolio steckt, ist genauso gefährlich, wie den letzten Euro für irgendwelchen hedonistischen Quatsch rauszuhauen und am Ende ohne Altersvorsorge dazustehen.
Es braucht also eine Balance.
Und genau das bestätigt auch die Forschung: Rick hat herausgefunden, dass sowohl Zwangssparer als auch Leute, die zu viel ausgeben, unzufrieden mit sich sind. Beide Extreme machen unglücklich. Am zufriedensten sind die entspannten Konsumenten in der Mitte, die weder zu viel noch zu wenig Schmerz beim Ausgeben empfinden.
Und das kann ich komplett aus persönlicher Erfahrung bestätigen: Wir waren früher genügsam im positiven Sinne. Wir haben gelernt, welche Ausgaben uns glücklich machen und was nicht. Das war super und wir konnten viel investieren.
Aber irgendwann hatten wir genug gespart und auch das Bedürfnis, uns mehr zu gönnen. Aber das ging nicht. Also konnten wir größere Ausgaben erstmal nicht richtig genießen, obwohl genug Geld da war.
Da waren wir nicht mehr genügsam, sondern eher Zwangssparer. Rick beschreibt das auch so: Zwangssparer entwickeln eine Art Schutzschild, das sie selbst dann nicht mehr ablegen können, wenn sich ihre finanzielle Situation längst verbessert hat. Das war bei uns ganz genauso.
Aber wie lernt man jetzt, ohne Schuldgefühle Geld auszugeben?
Das ist echt ein Prozess, den wir auch gerade immer noch ab und zu üben. Also bitte Geduld haben. Aber ein paar Dinge haben uns geholfen.
Geld ist ein Werkzeug, kein Selbstzweck. Geld ist an und für sich total wertlos. Es kann jedoch gegen etwas unendlich Wertvolles eingetauscht werden: Erfahrungen. Doch wenn wir unser Geld nicht nutzen, haben wir ja nur Zeit verschwendet.
Wenn das Endziel einfach darin bestünde, die größte Zahl auf dem Konto zu haben, dann solltest Du Dir auch echt jeden Monat die 50 Euro fürs Cafe sparen oder was auch immer.
Aber es bringt Dir nichts im Leben, wenn Du am Ende die größte Zahl auf dem Konto stehen hast, jedoch nix von der Kohle in Erfahrungen umwandeln konntest.
Der Wert unseres Geldes steigt zwar im Laufe der Zeit, wenn wir es investieren. Aber unsere Fähigkeit, dasselbe Geld gegen Erfahrungen einzutauschen, nimmt im gleichen Zeitraum ab.
Klar, Du kannst Dein Bestes dafür geben, dass Du mit Ende 60 topfit bist. Aber es ist nun mal ziemlich riskant, darauf zu vertrauen, dass dann noch alles möglich sein wird.
Sicherheit ist eine innere Sache. Echte Sicherheit kommt nicht von dem Versuch, alle möglichen Risiken zu eliminieren.
Wir können unsere Energie aber darauf verwenden, gelassener zu werden, gesunde Beziehungen zu pflegen und uns um unsere körperliche und mentale Fitness zu kümmern. All das kann uns ein Gefühl der Sicherheit geben, das nicht von äußeren Umständen abhängt.
Auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, wieder etwas erwirtschaften zu können, hilft enorm. So geht es mir zumindest, ich weiß ja, dass ich immer wieder Geld verdienen kann. Das ist echte Sicherheit für mich.
Allergrößte Hebel: Mit Prägungen auseinandersetzen! Du kannst die eigene Kindheit aufarbeiten, zum Beispiel mit dem Hoffman-Seminar. Auch Persönlichkeitsentwicklung und Therapie können dabei helfen.
Ja genau, das sind auf jeden Fall die wichtigsten Punkte, lass uns aber nochmal kurz auf die Praxis schauen: Wie nähert man sich der Balance denn systematisch?
Genau, neben dem Aufarbeiten der inneren Blockaden braucht man natürlich trotzdem ein System, klar. Das ist eigentlich recht simpel.
Schritt 1: Genug zur Seite legen – und wissen, dass es reicht
Der allererste Schritt, um sich beim Ausgeben weniger schlecht zu fühlen, ist zu wissen, dass die Basis steht. Also solltest Du Notgroschen und Altersvorsorge in ETFs ausrechnen.
Hast Du das einmal durchgerechnet und siehst, dass Du auf Kurs bist, nimmt das enorm viel Druck raus. Denn dann weißt Du: Alles, was darüber hinausgeht, darf ausgegeben werden.
Und ich frage mich hier gerade, ob das auch ein Thema von unserem Hörer sein kann, nur so als Vermutung. Hat er mal ganz konkret nachgerechnet? Weil sonst kann es gut passieren, dass ihn dieses Unwissen erstmal zum Mehr-Sparen zwingt, obwohl das gar nicht nötig wäre.
Nutze gerne unseren Rentenplaner dafür. Dann hat man zumindest einen guten Schätzwert.
Schritt 2: Herausfinden, was mir wirklich etwas wert ist
Nach jahrzehntelangem „Sparen, Sparen, Sparen“ können wir nicht einfach den Schalter umlegen und anfangen, Geld auszugeben. Vielleicht wissen wir nicht einmal, wofür wir unser Geld überhaupt ausgeben wollen.
Da lohnt es sich, genau herauszufinden, was einem Freude bereitet und was eben nicht. Wo gibt man Geld für etwas aus, das einem nichts bedeutet, weil „man das so macht“? Und wo sollte mehr ausgegeben werden, weil es glücklich macht?
Noch ein Gedanke dazu: Erfahrungen vs. materielle Dinge: Geld, das wir für Erfahrungen ausgeben – zum Beispiel, um etwas Neues auszuprobieren, für ein romantisches Essen mit dem Partner oder einen schönen Urlaub mit unseren Liebsten – kann uns lang anhaltende Freude in Form von Erinnerungen bescheren.
Wenn Menschen hingegen Dinge kaufen, ist ein Glücksschub oft nur von kurzer Dauer. Denn wir erinnern uns auch in Jahrzehnten ja an die Momente, in denen wir das Leben in vollen Zügen genossen haben. Und vermutlich nicht so sehr ans neue Auto vor 20 Jahren.
Gut, das waren die konkreten Schritte. Aber lass uns zum Abschluss nochmal auf die Titelfrage zurückkommen: Macht sparsam leben unglücklich?
Sparsam leben an sich nicht, nein. Aber Zwangssparen – also wenn es sich nicht mehr gut anfühlt, wenn Du Dich einschränkst, obwohl Du es gar nicht müsstest – das macht definitiv unglücklich. Die Forschung zeigt es, und wir haben es selbst erlebt. Das Ziel ist aber auch nicht, Dein ganzes Geld rauszuhauen, sondern die Balance zu finden: Genug für später zurücklegen und Dein Leben heute genießen.
Das wirkliche Risiko besteht aus unserer Sicht nicht mehr darin, dass uns das Geld ausgeht, sondern darin, dass wir im Laufe unseres Lebens unzählige Erfahrungen verpassen, weil wir zu sicherheitsbedürftig sind.
Das ist übrigens auch wissenschaftlich belegt: Die Forscher Kivetz und Keinan von der Columbia bzw. Harvard University haben untersucht, was Menschen langfristig mehr bereuen: sich etwas gegönnt zu haben oder darauf verzichtet zu haben.
Das Ergebnis war: Kurzfristig bereuen wir eher, dass wir uns was gegönnt haben, statt vernünftig zu sein. Aber je mehr Zeit vergeht, desto stärker bereuen wir den Verzicht. College-Studenten fanden kurz nach den Semesterferien, sie hätten weniger feiern und mehr lernen sollen.
Aber schon ein Jahr später drehte sich das komplett. Da bereuten sie, nicht mehr Spaß gehabt und nicht mehr erlebt zu haben. Und Alumni, 40 Jahre nach dem Abschluss, bereuten am stärksten, nicht mehr genossen zu haben. Also verblassen die Schuldgefühle nach dem Genuss, aber das Gefühl, etwas verpasst zu haben, wird mit der Zeit immer stärker.
Finanzielle Freiheit bedeutet eben auch, ohne Angst ausgeben zu können. Sonst ist man ja nicht frei.
Was uns richtig die Augen geöffnet hat: Bei uns gab es in unserem Bekanntenkreis mehrere Leute in unserem Alter oder sogar jünger, die echt überraschend verstorben sind.
Stell Dir mal vor, Du bist 35, hast das letzte Jahrzehnt richtig rangeklotzt, viel verzichtet und jeden Cent investiert. Und plötzlich verstirbt ein Freund, der auch noch jünger ist als Du. Das hat uns richtig geschockt. Was hilft uns das ganze Geld später, wenn wir es nicht nutzen können?
Von da an haben wir einen anderen Kurs eingeschlagen. Was uns früher echt geholfen hat, hat uns eigentlich nur noch gebremst. Dann kam das Buch „Die with Zero“ von Bill Perkins, was uns den letzten Hauch an Sparsamkeit ausgetrieben hat 😀
Wenn Du wissen willst, was genau in dem Buch steht und wie es unsere Einstellung zu Geld komplett verändert hat, schau Dir unser Video Wegen diesem Buch sind wir keine Frugalisten mehr an, da geht es genau darum.
Dieser Artikel basiert auf einer Folge unseres Podcasts. Da wir den gesprochenen Inhalt für Dich verschriftlicht haben, kann es an manchen Stellen etwas umgangssprachlicher zugehen als in einem klassischen Blogartikel.
