Sollte ich noch zusätzlich in Small Caps investieren?
Die Frage kommt gerade ständig und scheint auch erstmal auf der Hand zu liegen: Ein weltweiter ETF auf den MSCI ACWI – also Industrie- und Schwellenländer zusammen – hat rund 2.500 Firmen drin. Das klingt nach viel, aber die ganzen kleinen Unternehmen, die sogenannten Small Caps, fehlen da komplett.
Und das sind nicht ein paar hundert, sondern noch mal über 5.000 weitere Unternehmen weltweit, also nochmal mehr als doppelt so viele.
Und da denkt man sofort: „Moment, so viele Firmen lasse ich einfach aus? Die sollten doch eigentlich auch in meinem Weltportfolio sein!“ Das klingt total logisch. Aber das Thema ist kniffliger, als man denkt. Und das Ergebnis, inwieweit Small Caps Sinn machen, hat am Ende sogar uns echt überrascht.
Aber mal eins nach dem anderen, wir schauen erstmal: Was sind Small Caps denn genau?
Small Caps, auf Deutsch Nebenwerte, sind einfach die kleinen börsennotierten Firmen. Im normalen MSCI World sind die gar nicht drin und auch nicht im FTSE All-World oder MSCI ACWI, die ja noch die Schwellenländer mit dazunehmen. Die enthalten alle nur die großen und mittelgroßen Firmen. Und genau das sind tausende Firmen, die da fehlen.
Aber bei dem Thema gehen die Meinungen auseinander. Die einen sagen: „Ein Weltportfolio ist erst dann komplett, wenn auch die kleinen Firmen drin sind, sonst ignorierst Du einen ganzen Teil der Weltwirtschaft.“ Und die anderen sagen: „Mach’s Dir nicht so kompliziert, die letzten paar Prozent bringen kaum was und machen Dein Depot nur unübersichtlicher.“
Ich finde beide Punkte erstmal nachvollziehbar. Aber die spannende Frage ist jetzt: Was macht das eigentlich wirklich aus, wenn wir die Small Caps dazu nehmen oder weglassen?
Genau das rechnen wir jetzt mal aus. Dabei ist ganz wichtig: Wir arbeiten mit langfristigen Durchschnittswerten, nicht mit der Rendite der letzten paar Jahre. Denn was zuletzt gut oder schlecht lief, bringt uns für die nächsten 30 Jahre herzlich wenig, also hat das keine Aussagekraft für die Zukunft.
Gut, nehmen wir an, Du sparst 250 Euro im Monat, 30 Jahre lang, und rechnest mit einer langfristigen Rendite von 8 Prozent im Jahr. Das ist ein historischer Durchschnittswert für ein breites Weltportfolio. Ohne Small Caps landest Du damit am Ende bei rund 178.000 Euro Vermögen, und zwar in heutiger Kaufkraft, also in dem, was Du Dir davon heute kaufen könntest.
Jetzt nehmen wir die Small Caps dazu. Die machen rund 14 Prozent vom ganzen Markt aus, darum bekommen sie auch ein Gewicht von 14 Prozent in unserem Portfolio.
Und wir rechnen dabei bewusst wohlwollend: mit grob eineinhalb Prozentpunkten pro Jahr mehr Rendite. Diese Zahl kommt aus den US-Börsendaten: Seit 1927 haben die kleinen Firmen dort im Schnitt 11,7 Prozent Rendite im Jahr gebracht, die großen 10,1 Prozent.
Nur, ganz ehrlich: Dass dieser Vorsprung so in Zukunft nochmal kommt, ist ziemlich unwahrscheinlich, und zwar aus drei Gründen:
Erstens haben die alten Zahlen besser ausgesehen, als sie wirklich waren. Schuld sind die alten Börsen-Datenbanken. Ist eine kleine Firma pleitegegangen, haben die Daten-Anbieter oft nur bis zum letzten normalen Handelstag aufgezeichnet – danach war die Aktie einfach aus der Datenbank raus. Ein Beispiel: Eine Aktie steht bei 10 Euro, dann geht die Firma pleite und die Aktie ist so gut wie nichts mehr wert. In der Datenbank steht aber weiter die 10 – der Absturz auf fast null taucht nirgendwo auf. Genau der schlimmste Teil des Verlusts fehlt also. Wer damit später die Small-Cap-Rendite berechnet hat, hat die dicksten Pleiten schlicht übersehen.
Und weil fast immer kleine Firmen so von der Börse verschwinden, standen ausgerechnet die auf dem Papier zu gut da. Als Forscher diese Lücken später gestopft haben, war ein gutes Stück vom Vorsprung dadurch weg.
Zweitens kam ein großer Teil des Vorsprungs, der dann noch übrig war, aus einem einzigen Effekt: Übernahmen. Kleine Firmen werden viel häufiger von großen Konzernen aufgekauft.
Und wer eine Firma übernehmen will, muss den Aktionären mehr bieten, als die Aktie gerade kostet, sonst verkauft ja keiner. Im Schnitt liegt darum so ein Übernahme-Angebot um die 30 Prozent über dem aktuellen Kurs. Sobald das Angebot auf dem Tisch liegt, springt der Aktienkurs ungefähr auf dieses Niveau, und alle, die die Aktie im Depot haben, machen auf einen Schlag ordentlich Gewinn. Genau diese Kurssprünge haben die Small-Cap-Rendite kräftig nach oben gezogen. Rechnet man sie raus, bleibt vom Vorsprung fast nichts übrig.
Und drittens, ganz praktisch: Die schönen Small-Cap-Zahlen stammen aus Rechenmodellen von Forschern. Diese Modelle kaufen auf dem Papier einfach alle kleinen Aktien – auch die winzigen, bei denen manchmal tagelang niemand kauft oder verkauft.
Und jetzt kommt der Haken: Ausgerechnet in diesen winzigsten Aktien steckt der größte Teil des gemessenen Vorsprungs. Genau die sind aber in keinem echten Index drin, den Du als ETF kaufen kannst.
Denn ein investierbarer Index lässt diese kaum handelbaren Winzlinge von vornherein weg. Damit fehlt ausgerechnet das Stück, das im Modell die größte Rendite bringt.
Und für die kleinen Aktien, die er noch kauft, zahlt er beim Handeln drauf: Je seltener eine Aktie gehandelt wird, desto größer ist der Abstand zwischen dem Preis, zu dem man sie kaufen kann, und dem, zu dem man sie wieder loswird.
Und dann sind da noch die laufenden Gebühren des Fonds. Die zahlst Du zwar bei jedem ETF, bei Small-Cap-ETFs sind sie aber meist etwas höher, weil tausende kleine Aktien mehr Aufwand machen. Die Handels-Nachteile von eben entstehen beim Kaufen und Verkaufen der Aktien, die Gebühr geht jedes Jahr zusätzlich vom Fondsvermögen ab. Alles zusammen frisst einen guten Teil der „Theorie-Rendite“ auf. Deshalb kommt bei einem echten, breiten Small-Cap-ETF – also dem, was Du tatsächlich kaufen würdest – weniger an: Er hat den breiten Weltmarkt in der jüngeren Vergangenheit kaum geschlagen.
Realistisch bleibt von dem Vorsprung für die Zukunft also wenig übrig, eher null. Die eineinhalb Prozentpunkte sind ja ein Durchschnitt über fast hundert Jahre – in den letzten zwanzig Jahren lagen die kleinen Firmen sogar gut einen Prozentpunkt hinter den großen.
Und ja, eben haben wir noch gesagt, dass die letzten Jahre nichts über die Zukunft verraten – das gilt auch hier.
Wir schreiben die letzten Jahre also nicht einfach fort.
Aber wir haben ja gerade drei Gründe gesehen, warum der alte Vorsprung größer aussah, als er wirklich war.
Und dazu passen die neueren Zahlen eben genau.
Jetzt rechnen wir trotzdem mit den eineinhalb Prozentpunkten weiter, um mal zu zeigen, wie groß der Unterschied überhaupt maximal in der Theorie wäre.
Also, mit diesem sehr optimistischen Vorsprung landest Du am Ende bei rund 185.000 Euro Vermögen. Der Unterschied nach 30 Jahren liegt dann bei rund 7.000 Euro beziehungsweise rund 4 Prozent zwischen mit und ohne Small Caps.
Und klar, 7.000 Euro sind viel Geld, das will ich gar nicht kleinreden.
Aber das ist der absolute Best Case – gerechnet mit dem unrealistischen Vorsprung. Realistisch ist der Vorsprung eher null.
Und dann ziehen die etwas höheren Kosten eines Small-Cap-ETFs den Unterschied sogar leicht ins Minus.
Übrigens, wenn Du mal mit Deinen eigenen Zahlen rechnen willst, dann nutze dafür unseren Rechner.
Wie kann es denn sein, dass tausende zusätzliche Firmen so wenig ausmachen?
Ganz einfach: weil die Anzahl der Firmen nichts über ihren Einfluss aussagt. Der hängt am Börsenwert.
Und alle kleinen Firmen zusammen sind eben nur rund ein Siebtel des Marktes. Sprich, ein ETF auf beispielsweise den MSCI ACWI ohne Small Caps deckt schon etwa 85 Prozent ab, mit den Small Caps kommst Du dann auf rund 99 Prozent. Ein etwaiger Rendite-Vorsprung gilt also nur für dieses eine Siebtel. Aufs ganze Depot gerechnet bleiben davon gerade mal 0,2 Prozentpunkte übrig. Deshalb hast Du mit ihnen zwar tausende Firmen mehr im Depot, aber am Ergebnis ändert das erstaunlich wenig, wie Du gerade gesehen hast.
Und hier wird’s fast lustig: Denselben Effekt wie diese viel zu optimistisch gerechnete Small-Cap-Prämie bekommst Du, wenn Du einfach 10 Euro mehr im Monat sparst. Wer 260 statt 250 Euro spart, landet nämlich bei rund 185.000 Euro, also praktisch genauso viel wie mit den Small Caps im Optimalfall, nur eben garantiert statt erhofft. Zehn Euro mehr im Monat schlagen die ganze Small-Cap-Action.
Im Grunde optimiert man mit der Frage „Small Caps ja oder nein?“ am falschen Ende.
Webinar ETFklar Denn genau da verzetteln sich so viele: an Detailfragen wie dieser, statt an dem, was am Ende zählt. Wenn Du wissen willst, worauf es beim Weltportfolio wirklich ankommt, dann schau Dir mal unser kostenloses Webinar an.
Ok, aber helfen Small Caps nicht wenigstens dabei, den großen Anteil der Tech-Riesen etwas zu drücken? Die machen ja sonst einen riesigen Teil vom Weltportfolio aus…
Naja, auch da sind Small Caps ein ziemlich schwacher Hebel. Wenn Du die Beimischung von rund 14 Prozent dazunimmst, bewegt sich das Gewicht der großen Tech-Konzerne kaum. Im ACWI liegen die zusammen bei rund einem Fünftel, und im ACWI IMI mit den Small Caps sind es nur ein kleines bisschen weniger. Ein winziger Dämpfer, aber die Konzentration ist damit nicht weg.
Aber ganz ehrlich: Diese Konzentration ist auch gar nicht so schlimm, wie sie immer in den Medien beschrieben wird. Ein globaler Index bildet nämlich einfach nur die tatsächliche Größe der Weltwirtschaft ab. Wenn die USA also irgendwann an Bedeutung verlieren würden, würden ganz automatisch andere Länder im Index mehr Gewicht bekommen und die USA abrutschen.
Sowas passiert immer wieder. Das Paradebeispiel ist Japan. In den 80ern war Japan die große Nummer, am Höhepunkt fast die Hälfte des weltweiten Aktienmarktes. Heute sind es noch rund 6 Prozent.
Und dieser Abstieg Japans wurde ja automatisch in den globalen Aktienindizes korrigiert. Man muss das eben nur aussitzen können.
Wenn Dir trotzdem der USA-Anteil zu hoch ist, senkt eine Small-Cap-Beimischung das Ganze auch nicht wirklich. Denn – das ist ganz wichtig, zu wissen – auch unter den kleinen Firmen sind die USA mit über 60 Prozent stark vertreten.
Der wirksamere Hebel ist, die Schwellenländer höher zu gewichten. Mit einem 70/30-Portfolio, also 70 Prozent Industrieländer und 30 Prozent Schwellenländer, sinkt der USA-Anteil von rund zwei Dritteln auf etwa die Hälfte. Das ist eine ganz andere Größenordnung.
Und Du holst Dir damit echte andere Wirtschaftsräume und Währungen ins Depot, nicht nur kleinere Firmen aus denselben Ländern.
Und nochmal was anderes: Als Europäer musst Du den USA-Anteil auch nicht um jeden Preis so stark drücken. Dein Gehalt, Deine Rente, Dein ganzes wirtschaftliches Leben hängt ja ohnehin schon am Euro und an Europa. Ein ordentlicher Teil Deines Geldes in anderen Regionen und Währungen macht Dich unabhängiger von dem, was hier bei uns passiert.
Jo, also sollen wir jetzt Small Caps dazunehmen oder nicht?
Kann man machen, muss man aber nicht. Was am Ende über Dein Vermögen entscheidet, ist nämlich nicht diese Frage, sondern wie viel Du sparst, dass Du dranbleibst und dass Du breit und günstig investierst. Der Rest ist echt Feinschliff und nicht so wichtig.
Ein Welt-ETF auf den ACWI oder FTSE All-World reicht also völlig aus. Was ihm fehlt, sind zwar viele kleine Firmen, aber deren Effekt auf Dein Depot ist wirklich überschaubar. 10 Euro mehr sparen im Monat wäre deutlich hilfreicher…
Mehr dazu liest Du in unserem Artikel Solltest Du Deinen ETF gegen den fallenden Dollar absichern?. Eine Sache haben wir vorhin nur kurz angerissen: Beim globalen Investieren bist Du über den hohen USA-Anteil automatisch ziemlich stark vom Dollar abhängig.
Und da fragen sich gerade viele: Sollte ich dieses Währungsrisiko nicht lieber absichern, wo doch alle vom fallenden Dollar reden? Genau darum geht’s in unserer Folge „Solltest Du Deinen ETF gegen den fallenden Dollar absichern?“ – hör da mal rein, die Antwort ist echt spannend!
Dieser Artikel basiert auf einer Folge unseres Podcasts. Da wir den gesprochenen Inhalt für Dich verschriftlicht haben, kann es an manchen Stellen etwas umgangssprachlicher zugehen als in einem klassischen Blogartikel.