Sein Geld sicher anlegen und trotzdem Gewinne machen, wenn die Zinsen überall fallen. Das soll über das Investieren in Staatsanleihen möglich sein. Aber stimmt das wirklich?
Die Antwort ist tatsächlich überraschend, weil viele hier einen sehr teuren Denkfehler machen. Aber schauen wir uns erstmal an, was Anleihen denn überhaupt sind.
Eine Anleihe ist im Grunde ein Kredit, den Du gibst – nicht einer, den Du nimmst. Stellen wir uns ein Beispiel vor: Du leihst dem Staat 1.000 Euro. Er verspricht Dir, jedes Jahr 3 % Zinsen, also 30 Euro, zu zahlen und nach 10 Jahren Deine 1.000 Euro zurückzugeben. Du bist also der Geldgeber, der Staat ist der Schuldner. Du bekommst regelmäßig Zinsen, wie Zinszahlungen auf einem Sparbuch, und am Ende Dein Geld zurück.
Und dieser Vertrag ist handelbar – Du kannst ihn weiterverkaufen. Deshalb sagt man: Anleihen sind handelbare Kredite. Bei Anleihen bewegen sich Kurs und Rendite tatsächlich gegensätzlich. Das klingt technisch, aber wenn man einmal versteht, was da passiert, ist es gar nicht so kompliziert.
Und genau dazu hat uns Dan eine Frage gestellt. Wenn Du auch eine Frage an uns hast, kannst Du sie hier einreichen.
„Wenn mein Anleihen-ETF Gewinn macht. Ist das dann der Kurs, der steigt, oder die Rendite? Weil Kurs und Rendite bewegen sich ja bei Anleihen immer in unterschiedlichen Richtungen… Und inwiefern ist das dann bei Aktien-ETFs anders (hier gehen ja Kurse und Renditen parallel in die gleiche Richtung). Wenn ihr das mal etwas entwirren könntet, wäre nett.“ – Dan
Was ist der Unterschied zwischen Zins und Rendite?
Der Zins steht im Vertrag. Der Staat zahlt zum Beispiel jedes Jahr 3 %. Das ist fix. Die Rendite dagegen zeigt, was Du tatsächlich verdienst – und hängt davon ab, was Du für die Anleihe bezahlst. Das setzt das ja ins Verhältnis.
Stellen wir uns vor, der Staat hat sich mal 1.000 Euro geliehen und zahlt dafür jedes Jahr 30 Euro Zinsen. Jetzt willst Du diese Anleihe kaufen. Der Staat zahlt Dir also weiter 30 Euro im Jahr – das ist festgelegt.
Aber: Wenn die Zinsen am Markt inzwischen gestiegen sind, ist diese alte Anleihe mit nur 3 % weniger beliebt. Denn alle wollen die neuen Anleihen mit mehr Zinsen, also zum Beispiel 4 %. Deswegen bekommst Du sie günstiger, etwa für 900 Euro. Du zahlst also 900 Euro, bekommst trotzdem jedes Jahr 30 Euro Zinsen und am Ende 1.000 Euro zurück. Damit machst Du mehr Gewinn, weil Du weniger eingesetzt, aber gleich viel herausbekommen hast.
Ich fasse das nochmal zusammen: Früher waren es 30 Euro Ertrag auf 1.000 Euro Einsatz, was 3 % entspricht. Jetzt ist es 30 Euro Ertrag auf 900 Euro Einsatz, was 3,33 % entspricht. Dazu kommt: Am Ende bekommst Du 1.000 Euro zurück, obwohl Du nur 900 gezahlt hast – dadurch steigt Deine Rendite auf rund 3,8 % pro Jahr insgesamt.
Kurz gesagt: Der Zins ist das, was draufsteht. Die Rendite ist das, was Du wirklich rausbekommst, im Verhältnis zu dem, was Du gezahlt hast.
Warum schwanken Anleihen im Wert?
Wenn die Zinsen am Markt steigen, haben neue Anleihen höhere Zinsen. Das hatten wir im Beispiel eben. Alte Anleihen mit niedrigem Zins sind dann weniger gefragt – ihr Preis fällt. Das ist wie bei alten Handys: Sobald das neue iPhone rauskommt, will keiner das alte mehr – also sinkt der Preis.
Wenn die Zinsen am Markt fallen, ist es umgekehrt: Alte Anleihen mit höherem Zins werden beliebt, ihr Preis steigt. Das ist wie bei alten Stromverträgen: Wenn alle neuen teurer werden, ist Dein alter Vertrag mit günstigem Preis plötzlich Gold wert.
Merksatz: Wenn die Zinsen steigen, fallen die Kurse. Wenn die Zinsen fallen, steigen die Kurse. Das ist der Grund, warum sich Kurs und Rendite immer entgegengesetzt bewegen.
Was passiert im Anleihen-ETF?
Jetzt wird’s spannend, denn beim Anleihen-ETF läuft es etwas anders als bei einer einzelnen Anleihe. Wenn Du eine einzelne Anleihe besitzt, bekommst Du jedes Jahr Zinsen überwiesen – 30 Euro, 40 Euro, was auch immer vereinbart ist. Beim ETF dagegen passiert das alles im Hintergrund: Der ETF hält viele verschiedene Anleihen und bekommt von denen die Zinsen, aber er behält sie im Fonds und investiert sie direkt wieder, anstatt sie Dir auszuzahlen. Gleichzeitig schwanken die Kurse dieser Anleihen – manche steigen vielleicht, manche fallen – und der ETF bildet einfach den Gesamtwert aller Anleihen zusammen ab. Das siehst Du als Kursentwicklung in Deinem Depot.
Wenn Du also irgendwann Deinen ETF verkaufst, steckt in diesem Kurs alles schon drin: die Zinsen, die im Laufe der Zeit angefallen sind, und die Kursveränderungen der einzelnen Anleihen. Darum kann man sagen: Im ETF bekommst Du denselben Zinseffekt wie bei einzelnen Anleihen – nur siehst Du ihn nicht als Zahlung, sondern eben unter anderem im Kurs.
Beispiele: Wenn die Zinsen am Markt stabil bleiben, dann wächst der Kurs Deines Anleihen-ETFs mit der Zeit langsam nach oben – weil die Zinsen aus den Anleihen intern wieder reinvestiert werden. Das ist wie beim Sparkonto: Die Zinsen werden einfach mitverzinst – Du bekommst sie trotzdem, sie stecken nur im wachsenden Kontostand.
Wenn hingegen die Zinsen steigen, fallen kurzfristig die Kurse, weil die alten Anleihen im ETF weniger wert sind. Aber: Der ETF tauscht nach und nach die alten Anleihen gegen neue mit höheren Zinsen aus – und verdient dadurch langfristig wieder. Außerdem bekommt der ETF ja in jedem Falle die Zinsen.
Wenn die Zinsen fallen, steigen die Kurse, weil die alten Anleihen mit hohen Zinsen plötzlich besonders wertvoll sind. Aber auch das gleicht sich wieder aus, weil die neuen Anleihen, die dazukommen, niedrigere Zinsen haben.
Unterm Strich: Der Kurs eines Anleihen-ETFs schwankt ein bisschen – das gehört dazu. Aber das ist kein Drama, sondern einfach die Folge davon, dass sich die Zinsen bewegen. Wie man die Schwankung reduzieren kann, das schauen wir uns gleich noch an. Das Risiko ist übrigens im Vergleich zu Aktien winzig – genau deshalb sind Anleihen der Ruhepol im Depot.
Wenn man’s vergleichen will: Aktien sind wie eine Bergwanderung, bei der es ständig auf und ab geht, aber insgesamt kommst Du höher – bis nach oben, wo sonst nur noch Hubschrauber hinkommen. Anleihen sind der befestigte Weg im Tal – weniger Höhe, aber sicherer Tritt und stetig vorwärts.
Warum ist das bei Aktien anders?
Eine Aktie ist kein Kredit, sondern ein Unternehmensanteil. Wenn das Unternehmen wächst, steigen Gewinne – und meistens damit auch Dividenden und Kurse. Bei Aktien hängt also alles am Erfolg des Unternehmens – Gewinne, Wachstum, Vertrauen. Bei Anleihen geht es in erster Linie um das Zinsniveau.
Wann sind Anleihen-ETFs für die Altersvorsorge sinnvoll?
Anleihen sind nicht für Wachstum da, sondern für Sicherheit und Stabilität. Sie sind quasi der Stoßdämpfer im Depot. Sie machen Sinn, wenn Du kurz vor Deinem Ziel stehst, zum Beispiel vor der Rente – damit schlechte Börsenphasen nicht mehr viel ausmachen. Sie sind auch sinnvoll, wenn Du ruhiger schlafen willst, wenn Aktien stark schwanken, oder wenn Du Geld in den nächsten Jahren brauchst, das nicht im Aktienmarkt liegen soll.
Aber entscheidend ist dabei: Anleihen mit kurzen Laufzeiten, weil sich der ETF dann schneller an Zinsänderungen anpasst. Auch hier gilt: Keine Rendite ohne Risiko. Längere Laufzeiten schwanken stärker, können also auch mehr profitieren, wenn die Zinsen wieder fallen. Kürzere Laufzeiten schwanken weniger, weil die Anleihen im ETF schneller fällig werden und durch neue ersetzt werden. Dadurch passen sich kurzlaufende ETFs am schnellsten an das neue Zinsniveau an. Bei gemischten oder längeren Laufzeiten dauert diese Erholung deutlich länger – wie immer gilt: niemand weiß genau, wie sich die Zinsen entwickeln, darum zu risikoreich für den Sicherheitsbaustein.
Die Anleihen sollten in Euro notieren, um kein Währungsrisiko zu haben, und mit sehr guter Bonität ausgestattet sein, also von Schuldnern stammen, die sicher zurückzahlen (Deutschland, Niederlande, Schweden etc.). Wenn Du das nicht beachtest, gehst Du viel zu viel Risiko ein und dann ist nix mehr mit Stoßdämpfer. Die erwartete Rendite liegt bei etwas mehr als Inflationsausgleich.
Was ist mit dem Allwetter-Portfolio von Ray Dalio?
Viele haben davon schon gehört – das sogenannte Allwetter-Portfolio von Ray Dalio. Die Idee klingt erstmal genial: Ein Portfolio, das in jeder Wetterlage funktioniert – also egal ob die Wirtschaft boomt, eine Krise kommt, Inflation steigt oder Zinsen fallen. Das Versprechen dahinter: Nie wieder große Schwankungen, und trotzdem jedes Jahr eine solide Rendite.
Also wenig Risiko und trotzdem Rendite. Dafür wird das Geld auf verschiedene Anlageklassen verteilt – also Aktien, Anleihen, Rohstoffe und Gold. Der Gedanke: Wenn eine Sache gerade schlecht läuft, gleicht die andere es aus. Klingt nach der perfekten Lösung – ist aber in der Realität deutlich weniger beeindruckend, wenn man sich anschaut, was dabei wirklich rauskommt.
Das Hauptproblem dabei ist, dass ein großer Teil Deines Geldes in niedrig rentierenden Anlagen steckt. Rund zwei Drittel liegen in Anleihen, Gold und Rohstoffen – also in Dingen, die kaum Rendite bringen, teilweise nicht mal die Inflation ausgleichen. Wer sagt, Gold wäre super rentabel: Der gerade heftige Anstieg täuscht, denn langfristig liegt die reale Rendite bei nur 1,5 %. Bei Rohstoffen ist sowieso nichts zu holen.
Und dazu kommt: Das Allwetter-Portfolio wurde ursprünglich für die USA entwickelt – mit amerikanischen Zinsen, in US-Dollar und für amerikanische Anleger. Für uns in Europa passt das nicht so richtig: Unsere Zinsen sind ganz anders, der Dollar schwankt stark im Wechselkurs, und europäische Anleihen verhalten sich anders als die amerikanischen. Und selbst in den USA ist das einfach keine gute Idee.
Früher, in Zeiten hoher Zinsen und stabiler Märkte, konnte so ein Ansatz halbwegs funktionieren. Heute aber – bei langfristig sinkenden Zinsen in den Industrieländern und einer globalen Wirtschaft – nimmt das Modell kaum noch Fahrt auf. Du hast zwar weniger Schwankung, aber eben auch wenig Gewinne. Denn der größte Wachstumstreiber – Aktien – kommt viel zu kurz.
Kurz gesagt, nochmal in der Analogie zum Allwetter-Portfolio: Es schützt vor Regen – aber es hält Dich auch davon ab, die Sonne zu nutzen. Und dann wächst auch nichts.
Fazit: Wann sollte man in Anleihen investieren?
Für den Sicherheitsbaustein reicht es völlig, auf solide Anleihen-ETFs zu setzen wie beschrieben. Aber gerade in der Ansparphase sollte man die Zeit nutzen und renditestark investieren, anstatt viel zu viel in „sicheren“, aber kaum rentierenden Anlagen zu haben. Das ist auch genau das, was ich mit dem teuren Denkfehler am Anfang meinte! Denn wer zu früh zu viel in Anleihen investiert, dem entgehen tausende Euros an Rendite – für eine Sicherheit, die gar nicht notwendig ist.
Denn wenn man genug Zeit hat, kann man Krisen am Aktienmarkt einfach aussitzen. Da muss man sich nicht gegen absichern, das ist viel zu teuer in Form von entgangenen Renditen.
Im Grunde gibt es dafür ein einfaches Regelwerk: Wer jung ist, sollte so viel in Aktien investieren, wie er emotional aushalten kann. Wer kurz vor der Rente ist oder bereits in Rente, sollte nur so viel in Anleihen haben, dass das Risiko in Schach gehalten wird, dass das Portfolio bei schlechten Börsenphasen zu früh aufgebraucht ist – also Aktienkäufe verschieben können.
Und, ganz wichtig, egal wie sich die Zinsen bewegen: Das Risiko von „richtigen“ Anleihen ist im Vergleich zu Aktien winzig. Als Anleger sollte man NICHT auf Zinsen achten bei Anleihen-ETFs, sondern stoisch nach festgelegter Aufteilung investieren (risikoarm vs. risikoreich).
Für den Sicherheitsbaustein hört man ja auch immer wieder von Geldmarkt-ETFs. Wann machen die denn Sinn bzw. wie sind die gegenüber Anleihen einzuordnen? Darum geht es in dem Artikel Geldmarkt-ETFs: Das bessere Tagesgeld?.
Dieser Artikel basiert auf einer Folge unseres Podcasts. Da wir den gesprochenen Inhalt für Dich verschriftlicht haben, kann es an manchen Stellen etwas umgangssprachlicher zugehen als in einem klassischen Blogartikel.
