Killt der demographische Wandel ETFs?

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Heute haben wir eine lange Frage am Wickel, beziehungsweise mehrere Fragen von Maximilian. Das Thema ist aber super spannend. Falls Du auch eine Frage an uns hast, kannst Du sie einreichen: hier einreichen.

Liebe lazy investors, ich beschäftige mich aktuell intensiv mit den langfristigen Perspektiven der Aktienmärkte und ETFs, insbesondere im Hinblick auf den demografischen Wandel. Ein Punkt, der mir Sorgen bereitet, ist die abnehmende Geburtenrate in vielen Industrieländern, insbesondere in Deutschland und den anderen Industrieländern (von der Geopolitik mal ganz zu schweigen, was da noch an Abwärtspotential liegt). Mit einer Geburtenrate von nur noch ca. 1,4 Kindern pro Frau steuern wir rein rechnerisch auf einen Bevölkerungsrückgang von über 60 % innerhalb von vier Generationen zu.

Meine konkreten Fragen bzw. Überlegungen dazu:

1. Kapitalmärkte und Überangebot: Wenn die geburtenstarken Jahrgänge nach und nach in Rente gehen und zur Altersfinanzierung Aktien und ETFs verkaufen (plus mehr subventioniert werden müssten), könnte das zu einem strukturellen Überangebot an Wertpapieren führen. Wer soll dann all diese Assets kaufen, wenn gleichzeitig immer weniger jüngere Menschen investieren (können)?

2. Wirtschaftliches Wachstum: Aktienkurse spiegeln langfristig die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und das Wachstum von Unternehmen wider. Doch in einer schrumpfenden Gesellschaft fehlt es nicht nur an Arbeitskräften, sondern auch an Konsumenten, was beides essenziell für Unternehmenswachstum, Umsatz, Gewinne und Investitionen ist.

3. Emerging Markets als Rettung?: Oft wird argumentiert, dass Emerging Markets wie Indien, China oder afrikanische Staaten das globale Wirtschaftswachstum künftig tragen könnten. Doch auch dort beginnt in manchen Regionen der demografische Wandel bereits (Südkorea bspw. auch ein super Video dazu von Kurzgesagt). Und es bleibt fraglich, ob sie den Rückgang in den Industrieländern kompensieren können, zumindest in den nächsten 30-40 Jahren, wenn meine Generation (ich bin jetzt ca. 30) in Rente gehen will.

Entsteht ein Überangebot an Wertpapieren?

Die Datenlage in Deutschland sieht so aus, wie Maximilian beschreibt: Frauen bekommen nur 1,4 Kinder, bräuchten aber 2,1 Kinder für eine stabile Bevölkerung.

Das bedeutet, dass es in 30 Jahren viel mehr Rentner und viel weniger arbeitende Leute geben wird. Maximilian fragt sich: Wer kauft dann meine ETF-Anteile, wenn ich 65 bin, und sind die überhaupt noch was wert? Dafür müssen wir uns erstmal anschauen, wie Märkte funktionieren.

Ein wichtiger Grundsatz ist, dass Märkte einen Preis finden, bei dem Käufer da sind. Das haben sie in über 120 Jahren globaler Börsengeschichte immer geschafft, zumindest für sehr liquide Papiere wie große, breite ETFs. Bei illiquiden, schmalen Nischenpapieren kann das auch mal anders aussehen, aber das betrifft uns ja nicht. An der Börse gibt es nie ein „Überangebot“ im luftleeren Raum. Jede Aktie, die verkauft wird, muss von jemand anderem gekauft werden, sonst gäbe es keinen Preis. Das Einzige, was sich ändert, ist der Preis, zu dem gehandelt wird.

Wer sind denn überhaupt die Käufer, wenn Maximilian seine ETF-Anteile verkauft? Das sind weltweite Anleger: Nicht nur junge Leute aus Deutschland, die ihren Rentnern die Wertpapiere abkaufen, sondern in erster Linie institutionelle Anleger wie Pensionsfonds, Versicherungen und Staatsfonds machen den größten Teil aus. Aber natürlich sind es auch andere Privatleute weltweit. Der Wohlstand wächst ja enorm und immer mehr Leute kommen an den Aktienmarkt.

Es wird nicht alles auf einmal verkauft, denn Ältere entnehmen über Jahrzehnte, nicht in einem Rutsch. Viele Boomer sind ja jetzt schon in Rente, der Verkauf läuft, trotzdem steigen die Märkte und davon sieht man nichts. Es gibt keine einmalige Verkaufswelle. Die nächsten Jahrzehnte werden global mehr Menschen investieren können. Während nämlich deutsche, europäische oder amerikanische Babyboomer verkaufen, baut sich in Asien und Afrika eine ganz neue Anlegerklasse auf.

Der Fehlschluss von Maximilian hier ist eine Mischung aus Nullsummendenken, als könnten Verkäufer „niemanden“ finden, und nationalem Denken in globalen Märkten. Ehrlicherweise ist die Lage in Deutschland für unsere ETF-Verkäufe komplett egal! Es gibt nämlich kaum deutsche Aktieninvestoren, denn 70% der Gelder sind in Versicherungen und auf dem Bankkonto. Was zählt, sind globale Transaktionen, weil hierzulande eh keiner Aktien hat.

Was heißt das für Dich? Verlass Dich nicht auf Bauchgefühl-Geschichten wie „Niemand kauft mehr“, sondern auf Preismechanik. Selbst wenn Renditen sinken würden, wären sie immer noch langfristig besser als das Sparbuch. Global und breit investieren ist das A und O zur Vermeidung von irgendwelchen Problemen an der Front.

Weniger Menschen = weniger Wirtschaftswachstum?

Auch hier müssen wir erstmal mit einem Fehlschluss aufräumen, der auf Übervereinfachung und falscher Kausalität beruht. Weniger Menschen bedeutet erstmal überhaupt nicht automatisch schlechte Aktienrenditen. Das ist von ganz anderen Punkten abhängig. Firmen werden nämlich pro Kopf produktiver durch Maschinen, Software, KI und Automatisierung.

Weniger Leute, aber mehr Roboter und Software führen zu gleichem Output bei weniger Stunden. Das messen wir als Produktivität, und Unternehmen brauchen weniger Arbeiter für den gleichen Output.

Unternehmen verdienen global, und auch hier ist Deutschland egal. Im MSCI World machen deutsche Firmen nur 2,5 Prozent aus. Gleichzeitig kommen super viele Konsumenten nach, der Wohlstand wächst weltweit und reichere Menschen konsumieren überproportional mehr. Ich fasse das mal zusammen: Bevölkerung ist ein Faktor, aber entscheidend sind Produktivität und Einkommen pro Kopf. Daher kann die Wirtschaftslage trotz weniger Leute positiv sein.

Selbst wenn Industrieländer schrumpfen, können Unternehmen durch höhere Produktivität trotzdem wachsen und profitable Investments bleiben. Und dann kommen ja auch noch die ganzen neuen Konsumenten hinzu.

Können Emerging Markets das ausgleichen?

Erstmal zum Negativ-Beispiel Südkorea mit dem Rückgang der Geburten: Das zählt zwar formal noch zu den Emerging Markets, hat sich aber von einem der ärmsten Länder der Welt zu einer hoch entwickelten Industrienation entwickelt. Die haben also die gleichen Probleme an der Stelle wie wir.

Aber viele Länder in Afrika und Asien sind noch jung und mit super viel Potenzial. In Afrika leben über 1,5 Milliarden Menschen, die bis 2050 voraussichtlich 2,5 Milliarden werden sollen, mit einem Durchschnittsalter von 19 Jahren. China, das ja auch mittlerweile altert, wurde von Indien als bevölkerungsreichstes Land überholt, und über 40% dort sind unter 25 Jahren.

Diese Regionen werden in den nächsten 30-40 Jahren ziemlich wahrscheinlich noch ordentlich in der Bevölkerung wachsen. Das sind die Leute, die auch an den Aktienmarkt kommen und als Konsumenten immer wichtiger werden, das hatte ich ja schon erwähnt.

Und mit Blick auf das Wirtschaftswachstum der Firmen in den Schwellenländern gilt ja das Gleiche, denn auch dort gibt es Produktivitätssteigerungen. Nur mal ganz kurz was zur Rendite von Schwellenländer-Aktien: Die ist ja langfristig höher als in den Industrieländern, aber nicht, weil dort das BIP so krass wächst, sondern weil man eben ein höheres politisches Risiko mit Investments dort trägt. Das sollte einem auch klar sein.

Worauf ich hinaus will: Es ist alles nicht so offensichtlich und simple Rückschlüsse, weil sie sich intuitiv richtig anfühlen, sind oft am Aktienmarkt nicht hilfreich, sondern werden der Sache nicht gerecht.

Warum die Sorgen um den demographischen Wandel übertrieben sind

Maximilian schreibt weiter:

Klar kann man diversifizieren: ETFs, Gold, P2P, Krypto etc., aber insgesamt wäre es doch fast „naiv“ zu glauben, dass das Problem der Demografie „schon nicht so schlimm“ werden wird. Statistiken diesbezüglich haben wir bereits genug. Auch globale Problempunkte wie Klimawandel, Flüchtlingswellen, Kriege, zunehmende globale Spannungen, zunehmende Verschuldungen, die nie zurückbezahlt werden können etc., machen mir und den Personen um mich große Sorgen.

Damit kommen wir jetzt zu dem Teil, den Dein Nachrichten-Feed Dir nie zeigt. Und das ist meiner Meinung nach der Wichtigste: Warum alles schlimmer klingt, als es ist.

Also erstmal ganz allgemein: Die Daten zeigen, dass viele Probleme wie extreme Armut und Kindersterblichkeit abnehmen, das steht nur nicht in der Zeitung. Die Schlagzeile „Es wird ganz langsam besser“ verkauft sich schlecht, „Demografische Katastrophe!“ verkauft sich gut.

Unser Steinzeit-Gehirn ist darauf programmiert, Gefahren zu sehen. Das war früher überlebenswichtig (Tiger im Busch!), heute ist es kontraproduktiv und lähmt uns. Panik vorm Zusammenbruch gab es schon öfter, und ich möchte zwei Beispiele nennen.

In den 1970er Jahren warnte der Club of Rome vor den Grenzen des Wachstums. Computermodelle zeigten, dass bei unverändertem Wachstum Ressourcen bis 2100 mehr oder minder erschöpft sein würden, wie in The Limits to Growth beschrieben. Konkrete Sorgen waren, dass Öl, Metalle und Rohstoffe ausgehen würden. Während das Grundprinzip stimmt, dass Ressourcen endlich sind, wurde menschliche Innovationskraft komplett unterschätzt. Wir ersetzen mittlerweile total viel: Erneuerbare Energien statt Öl, Glasfaser statt Kupfer und eine effizientere Nutzung von Ressourcen.

In den 1960er Jahren warnte Paul Ehrlich vor der Bevölkerungsexplosion. Seine „Population Bomb“-These besagte, dass in den 1970ern hunderte Millionen verhungern würden, wie er in The Population Bomb, 50 Years Later erläuterte. Konkrete Vorhersagen waren, dass England 2000 nicht mehr existiert und 65 Millionen Amerikaner in den 1980ern verhungern. Während das Grundprinzip stimmt, dass mehr Menschen mehr Nahrung brauchen, wurde menschliche Innovationskraft auch hier wieder komplett unterschätzt. Wir produzieren mittlerweile viel mehr und effektiver Nahrung.

Ein gemeinsames Muster ist die Kombination aus linearer Hochrechnung und Unterschätzung menschlicher Problemlösungskraft, was zu falscher Panik führt. Harvard-Professor Steven Pinker zeigt in „Aufklärung jetzt“, dass Menschen sich auf Probleme fokussieren, aber kontinuierlichen Fortschritt übersehen. Das Buch ist eine klare Leseempfehlung. Ein paar Daten noch zu Aktien: 120 Jahre Börsendaten zeigen, dass es langfristig immer hochging, auch nach Weltkriegen, Wirtschaftskrisen und Pandemien. Warum? Menschen werden immer produktiver und lösen Probleme.

Natürlich haben wir große Probleme, global und auch in Deutschland. In der gesetzlichen Rentenversicherung zum Beispiel ist der demografische Wandel ein riesiges Problem, wenn sie nicht endlich mal reformiert wird. Nicht aber bei ETFs. Ich will hier nichts trivialisieren, aber wir wollen ja die Fragen beantworten und nicht über alle politischen und gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Themen reden.

Ist Sparen dann überhaupt sinnvoll?

Maximilian schreibt weiter:

Einige im Freundeskreis verprassen mittlerweile bereits alles auf Null, da sie zunehmend der (verständlichen) Annahme sind, dass wir sparen können, was wir möchten. Unter dem Strich würde unsere Generation nie und nimmer dadurch irgendetwas kompensieren, gegenteilig sogar Geld verlieren, wenn alles kommt, wie man es erwartet.

Ich fasse mal zusammen: Er und seine Freunde denken, „Sparen bringt nichts, wenn alles zusammenbricht“. Ich verstehe den Impuls, aber es ist eine Vollwette gegen die Zukunft mit hohen Kosten, falls es nicht zum Kollaps kommt. Totaler Kollaps ist das unwahrscheinlichste Szenario. Historisch waren breit gestreute Aktien über lange Zeiträume immer positiv, trotz heftiger Krisen. Wahrscheinlicher wäre ja auch noch zum Beispiel etwas weniger Wachstum, aber trotzdem positive Renditen. 35 Jahre Zinseszins sind ein Turbo, auch bei 4% statt 7% Rendite.

Dieses Schwarz-Weiß-Denken, von dem er hier schreibt, mit den vielen kognitiven Fehlschlüssen, bereitet auf das unwahrscheinlichste Szenario vor, mit einem riesigen Schaden in Form von entgangenen Renditen. Das macht mich ehrlicherweise richtig wütend, weil das ein egoistisches Verhalten ist, das auf dem Rücken derer ausgetragen wird, die sich ordentlich verhalten haben, also gespart oder dann arbeiten, wenn die alt sind. Die müssen nämlich dann Max‘ Freunde aushalten. Kannst Du gerne Deinen Freunden ausrichten.

Die beste Anlagestrategie trotz demographischem Wandel

Mich würde eure Einschätzung sehr interessieren: Wie seht ihr die angesprochenen Themen? Wie kann man sich als langfristig orientierter Investor auf solche strukturellen Entwicklungen einstellen? Wird das alles so wie angenommen, was spräche sehr dafür, was eher dagegen? Wenn man das so hinnehmen will, wie würde man dann sein Geld am besten anlegen?

Verzeiht bitte die Länge meiner Anfrage, das sind Themen, die mich seit Beginn beschäftigen und mir das stoische Investieren zunehmend erschweren. Ich bin überzeugt, nicht allein mit diesen Gedanken zu sein und hoffe sehr, dass ein Team wie eures sich mal damit auseinandersetzt und wir so alle profitieren.

Vielen Dank im Voraus für eure Gedanken, Mühen und Analysen!

Beste Grüße, Maximilian

Was wäre denn die Alternative zu globalen ETFs? Gold, Immobilien oder das Sparbuch bieten schlechtere Renditen bei viel mehr Risiko! Gerne einzelne Folgen hören oder Videos anschauen. ETFs hingegen passen sich automatisch an, wenn sich die Welt verändert, zum Beispiel durch höhere Gewichtung von Wachstumsländern. Und es kommen noch super lange neue Leute am Markt. Kein anderes Investment war langfristig besser, seit es die Börse gibt.

Aber natürlich ist auch wichtig, ein Sicherheitsnetz Richtung Rente aufzubauen, also risikoarme Bausteine. Spätestens 10 Jahre vor Entnahme solltest Du langsam einen Puffer aufbauen mit Tages- und Festgeld sowie kurzlaufenden Staatsanleihen. Der Sinn ist, in Krisen nicht Aktien verkaufen zu müssen. Du lebst aus dem Puffer und lässt die Aktien sich erholen. Ein Crash im Rentenstart trifft härter als in der Mitte, und ein Puffer verhindert Notverkäufe.

Das Thema ist super komplex und wir haben das jetzt hier so gut runtergebrochen, wie wir für eine solche Folge konnten.

Also am besten noch mehr Quellen zurate ziehen, aber weniger Katastrophen-News konsumieren! Diese vermitteln ein völlig falsches Bild, das wurde vielfach gezeigt. Schau Dir unser Video Studie: Wie uns Nachrichtenkonsum schadet an. Wenn Du das Thema wirklich durchdringen willst, lies Bücher und lerne aus der Geschichte.

Und in der Zeit am besten weiter in weltweite ETFs investieren und die Grundregeln beachten: breit streuen und lange halten. Gerne Erwartungen anpassen, aber nicht die komplette Strategie kippen! An Fortschritt glauben, der ist unsere beste Wette und hat sich bislang immer wieder bewährt.

Wir haben zu dem Thema auch etwas allgemeiner einen sehr erleuchtenden Artikel: Was, wenn Aktienmärkte und ETFs nicht weiter steigen? Da geht es nochmal allgemein darum, ob wir wirklich davon ausgehen können, dass das ganze System auch in Zukunft funktioniert.


Dieser Artikel basiert auf einer Folge unseres Podcasts. Da wir den gesprochenen Inhalt für Dich verschriftlicht haben, kann es an manchen Stellen etwas umgangssprachlicher zugehen als in einem klassischen Blogartikel.

Verfasst von Dr. Anna Terschüren
Veröffentlichung: 27. Oktober 2025
LETZTE AKTUALISIERUNG: 06. Februar 2026
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