Die Kurse stehen ja gerade richtig gut, wir haben schon wieder ein neues Allzeithoch nach dem anderen. Und vielleicht denkst Du Dir: „Eigentlich müsste ich doch jetzt verkaufen, weil ich so viele Gewinne gemacht hab. Und wenn’s dann wieder nach unten geht, kaufe ich günstig nach.“
Klingt total logisch. Aber genau das ist ein riesiger Denkfehler – und mit ein Grund dafür, dass ETF-Anleger laut einer Studie im Schnitt sogar Geld verlieren, obwohl die ETFs selbst im Plus sind.
Warum das passiert und was stattdessen wirklich funktioniert, schauen wir uns jetzt an.
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Dazu haben wir eine Frage von Christopher bekommen: Er bespart jeden Monat globale Aktien-ETFs, nämlich einen MSCI World und einen Emerging Markets ETF, und er fragt sich jetzt, ob er da nicht noch ein bisschen mehr rausholen kann. Denn an der Börse gibt es ja immer Phasen: Mal geht es jahrelang nach oben, mal geht es ordentlich nach unten. Und diese Zyklen wiederholen sich ja.
Mit der Finanzkrise 2008 beispielsweise ging es erstmal ordentlich nach unten. Dann ging es über zehn Jahre nach oben. Dann kam Corona 2020, und innerhalb von wenigen Wochen ging es wieder runter. Dann kam wieder Erholung. Dann ging es 2022 nochmal runter wegen Krieg in der Ukraine und Inflation. Dann kamen wieder zwei starke Jahre nach oben und neue Allzeithochs. Anfang 2025 ging es wegen der Zölle wieder runter, dann kam Erholung.
Und Anfang 2026 kam der Iran-Krieg, die Kurse gingen wieder runter, und wenige Wochen später standen sie schon wieder auf Allzeithoch.
Und genau deswegen denkt Christopher: Das muss man doch nutzen können! Also ist sein Plan: „Wenn ich sehe, dass es schon lange nach oben geht, verkaufe ich Anteile. Dann habe ich Geld auf der Seite. Und wenn die Kurse dann irgendwann fallen, kaufe ich mit diesem Geld günstig nach.“ Er will damit teuer verkaufen und billig wieder einkaufen.
Und im Rückblick sieht das ja auch total machbar aus. Aber versetz Dich mal beispielsweise in das Jahr 2012. Die Kurse steigen seit drei Jahren, die Finanzkrise scheint komplett überstanden zu sein. Ist das jetzt „oben“? Also verkaufst Du jetzt? Viele dachten das damals.
Und dann? Dann ging es noch sieben Jahre weiter nach oben. Wer 2012 verkauft und auf den nächsten Einbruch gewartet hat, hat jahrelang zugeschaut, wie der Markt sich verdoppelt hat, ohne dabei zu sein. Und genau das ist das Problem: Wenn Du mittendrin steckst, hast Du keine Ahnung, ob das gerade der Anfang, die Mitte oder das Ende eines Zyklus ist. Das weißt Du immer erst deutlich hinterher.
Ja ok, aber Aktienkurse sind doch nicht so zufällig wie die Lottozahlen!
Nein, natürlich nicht. Es gibt Trends und so weiter. Aber die entscheidende Frage ist: Kann man sie zuverlässig vorhersagen? Und da wird es knifflig, denn man müsste nicht nur eine, sondern gleich zwei Entscheidungen treffen. Und zwar beide richtig.
Erstens muss man entscheiden: Wann verkaufe ich? Also wann ist der Markt „oben“? Zweitens muss man entscheiden: Wann kaufe ich wieder? Also wann ist der Tiefpunkt erreicht?
Und das muss man nicht einmal richtig machen, sondern immer wieder. Über Jahre und Jahrzehnte. Und das schaffen noch nicht einmal die Profis!
Das zeigt die sogenannte SPIVA-Scorecard von S&P Global, die regelmäßig seit über 20 Jahren untersucht, wie aktiv verwaltete Fonds im Vergleich zu ETFs abschneiden, also Fonds, in denen Profis genau das versuchen, was Christopher vorhat.
Das Ergebnis ist: Je länger man schaut, desto schlimmer wird es! Laut SPIVA schlagen nach 15 Jahren nur 10 Prozent dieser Fonds beispielsweise in den USA einen einfachen ETF auf denselben Markt. In Europa sind es nach 10 Jahren nur 3 Prozent, die den Markt schlagen!
Das bestätigt auch Gerd Kommer, der die breitere Studienlage zusammenfasst, und da sieht man schön, wie es mit der Zeit immer schlechter wird: Nach einem Jahr verlieren rund 50% der aktiven Fonds gegen den ETF. Nach zehn Jahren sind es schon 95%. Und ab 20 Jahren? Fast 100%.
Wohlgemerkt: Das sind Leute, die das hauptberuflich machen, mit riesigen Teams und Zugang zu Daten, die wir als Privatanleger gar nicht haben. Also wenn die es nicht schaffen, dann sollten wir uns fragen, warum wir es als Privatanleger nebenbei besser können sollten, die „richtigen“ Zeitpunkte vorherzusagen.
Das Witzige ist, eigentlich ist es mit Blick auf hohe Renditen sogar andersrum: Was die Profis mit riesigen Teams und jahrelanger Arbeit nicht hinbekommen, das schaffen wir als Privatanleger besser, indem wir einfach gar nichts machen, also gar nichts ändern. Einfach investiert bleiben und den Sparplan laufen lassen. Das ist unser größter Vorteil gegenüber den Fondsmanagern und Co.
Denn die können ja nicht einfach nichts machen, das ist ja undenkbar. Die müssen ja immer aktiv handeln und auf Krisen reagieren und so weiter.
Wir können aber einfach stoisch investiert bleiben.
Übrigens, wenn Du diesen Vorteil ausnutzen und mit globalen ETFs Schritt für Schritt Dein Vermögen aufbauen willst, und zwar ganz ohne Glücksspiel, dann schau Dir unser kostenloses Webinar an.
Was passiert denn eigentlich, wenn man mit seinen Timing-Versuchen daneben liegt?
Stell Dir mal vor, Christopher verkauft jetzt einen Teil seiner ETFs, weil er denkt: „Die Kurse sind zu hoch, bald kommt der Crash.“ Und dann? Dann muss er warten. Mit Cash auf dem Konto.
Jetzt gibt es zwei Szenarien: Während er wartet, wächst der Markt einfach weiter. Wie so oft und wie z.B. nach 2012, als es noch sieben Jahre nach oben ging. Dann entgeht ihm die komplette Rendite.
Vielleicht gelingt es ihm aber sogar, am Hochpunkt auszusteigen. Aber dann kommt ein anderes Problem ins Spiel: Wann steigt er wieder ein? Bei Corona 2020 zum Beispiel ging es in wenigen Wochen brutal runter. Aber die Erholung kam genauso schnell. Wer auf „noch günstigere Kurse“ gewartet hat, hat den Aufschwung komplett verpasst. Und auch das ist soo vielen Leuten passiert…
Also hat Christophers Plan nicht ein Problem, sondern gleich zwei. Das hatten wir ja schon: Erstens muss er den richtigen Zeitpunkt zum Verkaufen treffen, und während er wartet, verpasst er möglicherweise jahrelang Gewinne. Und zweitens muss er den richtigen Zeitpunkt zum Wiedereinstieg treffen, und wenn er auch nur ein paar Wochen daneben liegt, ist die Erholung schon gelaufen.
Und das ist nicht nur so ein Gefühl, das kann man auch mit Zahlen belegen.
Laut dem „Guide to Retirement“ von J.P. Morgan Asset Management liegen die besten und die schlechtesten Börsentage fast immer direkt nebeneinander. 7 der 10 besten Tage der letzten 20 Jahre passierten innerhalb von zwei Wochen nach den schlimmsten Tagen. Das heißt: Wenn Christopher in der Krise verkauft, weil die Kurse einbrechen, dann verpasst er fast automatisch auch die Erholung, weil die wenige Tage später kommt. Er kann die schlechten Tage nicht vermeiden, ohne auch die guten zu verpassen – die kommen quasi als Gesamtpaket.
Und über 20 Jahre macht das einen riesigen Unterschied: Wer nur die zehn besten Tage verpasst hat, hat grob die Hälfte seiner Gesamtrendite eingebüßt. Zehn Tage von über 5.000 Handelstagen.
Und da kommt noch ein Punkt dazu, den viele vergessen: Steuern.
Jedes Mal, wenn Christopher einen Teil seiner ETF-Anteile verkauft, muss er auf die Gewinne Steuern zahlen. Zwar werden bei Aktien-ETFs nicht die vollen Gewinne besteuert, aber trotzdem: Ein Teil des Geldes geht erstmal ans Finanzamt. Und dieses Geld fehlt dann beim Zinseszinseffekt.
Wer einfach hält und nicht verkauft, zahlt die Steuern größtenteils am Ende. Und bis dahin arbeitet das Geld weiter für einen, inklusive dem Teil, der sonst schon flöten gegangen wäre.
Also was soll Christopher denn jetzt machen: Einfach Sparplan weiterlaufen lassen und fertig oder?
Genau! Er macht eigentlich schon das Richtige – er hat einen Sparplan. Er muss einfach nur aufhören, daran rumzuschrauben.
Denn das ist genau der Vorteil: Mit einem Sparplan muss man keine Timing-Entscheidung treffen. Jeden Monat geht der gleiche Betrag rein, egal wo die Kurse gerade stehen. Es gibt kein Grübeln wie „ist jetzt der richtige Moment?“ und kein Hören aufs Bauchgefühl. Das ist nämlich bei den Finanzen leider ein ganz schlechter Ratgeber und kostet oft massiv Gewinne.
Wenn man sich die Daten anschaut, ist die beste Strategie wirklich simpel: Sparplan laufen lassen, investiert bleiben, nicht versuchen, schlauer zu sein als der Markt.
Denn wie gesagt: Selbst die Profis scheitern daran. Und wir haben als Privatanleger einen riesigen Vorteil, den die nicht haben: Wir können einfach in Ruhe abwarten und Krisen aussitzen, weil wir keine Quartalszahlen abliefern müssen.
Und apropos Sparplan: Heißt das eigentlich, dass man immer per Sparplan anlegen sollte? Auch wenn man mal eine größere Summe hat, zum Beispiel durch eine Erbschaft oder einen Bonus? Die Antwort wird Dich überraschen, denn da machen sehr viele einen teuren Denkfehler. Mehr dazu liest Du in unserem Artikel Einmalanlage besser als Sparplan? (überraschende Erkenntnisse).
Dieser Artikel basiert auf einer Folge unseres Podcasts. Da wir den gesprochenen Inhalt für Dich verschriftlicht haben, kann es an manchen Stellen etwas umgangssprachlicher zugehen als in einem klassischen Blogartikel.
