Zum ersten Mal seit über 15 Jahren steigt ein Land in den MSCI World auf. Was dabei passiert, zeigt ziemlich gut, warum es eben nicht reicht, nur in den MSCI World zu investieren.
Wir schauen uns das mal ganz genau in dieser Folge an, und zwar anhand von einer Frage von Gabriele.
„Hallo Anna, hallo Eddy,
verstehe ich das richtig: Wenn sich ein Schwellenland z.B. Indien im Emerging Market ETF befindet und weiter und weiter wächst, wird es irgendwann im MSCI World ETF ankommen. Anna hat das mal mit der 1. und 2. Bundesliga verglichen. Vielleicht habt ihr auch ein Beispiel welches Land es in der jüngeren Vergangenheit von einem Schwellenland in den MSCI World ETF geschafft hat? Damit wird der Emerging Market ETF richtigerweise erstmal wieder um dieses Land schwächer und ein neues Schwellenland wird vielleicht aufgenommen. Stimmt meine Logik so?
Herzlichen Dank an euch! Eure Erklärungen sind immer eine Bereicherung!“
– Gabriele
Super Frage, und die Logik stimmt grundsätzlich erstmal, aber da steckt noch viel mehr drin, als man auf den ersten Blick denkt. Schauen wir mal Schritt für Schritt rein.
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Wie funktioniert das mit dem Auf- und Abstieg überhaupt?
Genau wie in der Bundesliga gibt es quasi drei Ligen. Es gibt Frontier Markets, also quasi die Regionalliga, zum Beispiel Vietnam oder Kenia, also die ganz kleinen, jungen Märkte. Dann gibt es Emerging Markets, also die 2. Bundesliga, zum Beispiel China, Indien oder Brasilien. Und es gibt Developed Markets, also die 1. Bundesliga. Das ist der MSCI World mit USA, Deutschland, Japan etc.
MSCI, also die Firma, die diese Indizes zusammenstellt, überprüft regelmäßig im Rahmen eines festen Klassifikationsprozesses, ob Länder die Kriterien für einen Auf- oder Abstieg erfüllen. Genau wie beim Fußball gilt: Wer die Kriterien erfüllt, kann aufsteigen, und wer sie nicht mehr erfüllt, kann auch absteigen.
Was entscheidet denn, ob ein Land aufsteigt?
Es ist nicht nur Wirtschaftswachstum, wie man vielleicht denken würde.
Es gibt drei Hauptkriterien: die wirtschaftliche Entwicklung, also zum Beispiel das Einkommen pro Kopf, die Größe und Liquidität des Aktienmarkts, also genug große, handelbare Unternehmen, und ganz wichtig die Marktzugänglichkeit. Damit ist gemeint, wie leicht internationale Investoren dort kaufen und verkaufen können. Der letzte Punkt ist oft der Knackpunkt, und daran hängen viele Länder fest, gar nicht beim Wachstum.
Passiert das denn auch wirklich mit dem Auf- und Abstieg oder ist das nur Theorie?
Doch, und zwar gerade ganz aktuell: MSCI hat Ende März angekündigt, Griechenland wieder von Emerging Market zu Developed Markets hochzustufen. Die Umsetzung ist für den Mai 2027 geplant.
Das ist auch ein interessanter Fall: Griechenland war vorher schon einmal als Developed Market eingestuft, ist dann aber im Zuge der großen Schuldenkrise 2013 in die Emerging Markets abgestiegen. Jetzt gibt es quasi den Wiederaufstieg.
Das passiert gar nicht so oft. Das letzte Land, das bei MSCI von Emerging auf Developed hochgestuft wurde, war Israel, mit Umsetzung im Mai 2010, also schon über 15 Jahre her. Das zeigt: So ein Aufstieg passiert wirklich selten, das ist keine alltägliche Sache.
Und was passiert dann mit dem Emerging Markets ETF, wenn ein Land aufsteigt?
Genau das, was Gabriele vermutet hat: Das Land fliegt aus dem Emerging Markets Index raus und kommt in den MSCI World rein.
Aber jetzt kommt der Haken, und das ist super spannend: In den Emerging Markets war das Land vorher ein relativ großer Fisch in einem kleineren Teich, und im MSCI World ist es plötzlich ein ganz kleiner Fisch in einem riesigen Ozean.
Am Beispiel Israel sieht man das gut: Im Emerging Markets Index hatte das Land vorher ein deutlich höheres Gewicht. Nach dem Aufstieg in die Developed Markets war es im MSCI World nur noch ein sehr kleiner Baustein. Für Anleger heißt das: Im Emerging Markets ETF merkt man den Wegfall, im MSCI World ETF kaum das Hinzukommen.
Aber was ich meinte: Wird dann automatisch ein neues Land aufgenommen, wenn jetzt im Emerging Markets Index was wegfällt?
Nicht automatisch, nein.
Es rückt nicht einfach eins nach wie beim Fußball, hier bricht der Bundesliga-Vergleich. Ein Land muss die Kriterien eigenständig erfüllen und wird also nicht befördert, nur weil ein Platz frei ist.
Es kann also sein, dass der Emerging Markets Index erstmal einfach ein Land weniger hat. Neue Länder werden aufgenommen, wenn sie die Schwelle von der Frontier- zur Emerging-Kategorie überschreiten. Kuwait wurde zum Beispiel 2020 in die Emerging Markets aufgenommen.
Was ist denn mit Südkorea, wird das nicht auch bald aufsteigen?
Ja, Südkorea wird bei MSCI schon seit vielen Jahren immer wieder als möglicher Kandidat für einen Aufstieg diskutiert.
Südkorea ist wirtschaftlich ein Schwergewicht. Samsung, Hyundai und viele andere große Konzerne kommen daher. Aber MSCI sagt: Für Developed Markets reicht das allein nicht. Vor allem bei der Marktzugänglichkeit gibt es weiter Hürden, etwa beim koreanischen Won und beim Zugang für internationale Investoren.
Interessant ist auch: Bei FTSE, dem anderen großen Indexanbieter, gilt Südkorea schon seit 2009 als Industrieland. Deswegen unterscheiden sich zum Beispiel ETFs auf den MSCI Emerging Markets und den FTSE Emerging Markets deutlich, und man sollte sie nicht miteinander mischen. Das machen leider ganz viele Leute falsch.
Übrigens, wenn Du wissen willst, was Du unbedingt wissen solltest, bevor Du in ETFs investierst, um solche und andere Anfängerfehler zu vermeiden, dann schau Dir unser kostenloses Webinar an.
Was heißt das für Indien, das Gabriele als Beispiel nennt?
Indien ist aktuell eines der am schnellsten wachsenden großen Schwellenländer, aber wie wir gerade gesehen haben, reicht Wirtschaftswachstum allein nicht, sondern die Marktzugänglichkeit muss auch stimmen.
Deshalb ist ein Aufstieg aus heutiger Sicht nicht kurzfristig zu erwarten. Aber im Emerging Markets Index hat Indien ein richtig hohes Gewicht und wächst dort immer weiter.
Was heißt das Ganze jetzt für uns als Anleger?
Das Schöne ist: Wer breit global investiert, also MSCI World plus Emerging Markets oder gleich einen All-World-ETF hat, muss sich um diese Umklassifizierungen überhaupt nicht kümmern.
Die passieren automatisch, das ist ja der ganze Charme beim Indexing. Ob ein Land jetzt im MSCI World oder im Emerging Markets steckt, bei einem globalen Portfolio ist es so oder so drin.
Gabrieles Logik stimmt also, und gleichzeitig zeigt das wunderbar, warum wir immer sagen: Investier nicht nur in den MSCI World, sondern auch in Schwellenländer.
Denn wer nur MSCI World hat, hat zum Beispiel Indien, China, Brasilien, also fast die halbe Weltwirtschaft, einfach nicht im Depot.
Und mit Schwellenländern dabei hast Du fast die ganze Welt abgedeckt, egal welches Land gerade wo einsortiert ist.
Ein kurzer Check lohnt sich da: Schau mal in Dein Depot, ob Du neben dem MSCI World auch Schwellenländer abdeckst. Falls nicht, weißt Du jetzt, warum das wichtig ist.
Und erst recht solltest Du nicht alles auf ein einziges Land setzen. Warum das so gefährlich ist, liest Du in unserem Artikel Warum Du niemals in den DAX investieren solltest!.
Dieser Artikel basiert auf einer Folge unseres Podcasts. Da wir den gesprochenen Inhalt für Dich verschriftlicht haben, kann es an manchen Stellen etwas umgangssprachlicher zugehen als in einem klassischen Blogartikel.
