Bei der Auszahlung bzw. Entnahme Deiner ETFs gibt es ein paar Dinge, die Du unbedingt wissen solltest, bevor Du verkaufst.
Denn es gibt ein paar teure Fehler, die viele Deutsche immer wieder machen, weil sie einfach drauflos verkaufen.
Und das liegt wahrscheinlich wiederum daran, dass sich viele zwar den Kopf darüber zerbrechen, ihre ETF-Geldanlage zu optimieren, also: „Welcher Broker? Welche ETFs? Welche Sparquote?“ …
… aber sich so gut wie keine Gedanken über die Auszahlung machen und wie man am Ende eigentlich an sein Geld kommt. Und dann kommen plötzlich Fragen auf wie: „Soll ich regelmäßig verkaufen oder größere Summen auf einmal? Was, wenn gerade ein Markttief ist?“
Fakt ist: Diese Fragen muss jeder, der in ETFs anlegt, für sich klären, spätestens wenn die Rente näher rückt. Wir klären heute alles, was Du wissen musst: von der ganz praktischen Seite – also wie komme ich an mein Geld? – über die richtige Entnahme-Strategie bis hin zur Frage, wie Du Dein Portfolio Richtung Rente vorbereitest, damit Du ruhig schlafen kannst. Damit fangen wir direkt mal an:
Keine Lust zu lesen? Hör Dir unsere Podcastfolge zum Thema an:
Wie viel sollte ich dann in Aktien haben, wenn ich in Rente gehe?
Wir empfehlen ja immer, risikoarme Bausteine beizumischen, aber Leute fragen uns gerne mal: „Warum kann ich nicht einfach zu 100% in Aktien-ETFs anlegen? Die bringen doch die beste Rendite!“ Und ja, langfristig stimmt das. Aber das Problem ist nicht die langfristige Rendite, sondern die Reihenfolge der Renditen, wenn wir Geld entnehmen.
Denn wenn zu Beginn der Entnahmephase schlechte Börsenjahre kommen und wir nur Aktien-ETFs haben, müssen wir mehr Anteile zu niedrigen Kursen verkaufen – und die fehlen uns dann später, selbst wenn sich der Markt erholt. Dieses sogenannte Renditereihenfolgenrisiko kann dazu führen, dass unser Depot zu früh aufgebraucht wird – selbst bei eigentlich guter Durchschnittsrendite. Weil uns eben ein paar schlechte Börsenjahre am Anfang alles versemmeln.
Deshalb brauchen wir risikoarme Bausteine. Die können in einer schlechten Börsenphase verkauft werden, dann können wir die Aktien schonen. Und klar, die bringen zwar kaum Rendite, aber so ist das mit sicheren Anlagen nun mal.
Darum müssen wir eine gute Ausgewogenheit zwischen renditestarken und stabilisierenden Anlagen wählen. Wie viel genau in Aktien bleiben sollte, hängt davon ab, wie sehr Du auf Dein Portfolio angewiesen bist. Wenn das Geld sehr sicher zur Verfügung stehen muss, weil Deine Rentenlücke groß ist, solltest Du den risikoarmen Anteil hoch wählen. In diesem Fall bist Du am verletzlichsten, da nahezu alle Ausgaben von Deinem Portfolio getragen werden müssen. Ein Aktiencrash zu Beginn der Rente könnte sonst sehr problematisch werden.
Je weniger Du aus Deiner eigenen Vorsorge brauchst, desto mehr kannst Du Schwankungen am Aktienmarkt aushalten – also auch mehr Aktien im Depot behalten. Beziehungsweise: Wenn Du flexibel mit Deinen Ausgaben reagieren kannst, kannst Du auch mehr in Aktien halten. Das ist mit der größte Hebel.
Beispiele: Wer komplett von Investments leben muss, weil kaum gesetzliche Rente da ist, sollte gerade am Anfang der Rente nur ca. 30-40% Aktienanteil haben und den Rest in risikoarmen Anlagen. Wer hingegen eine ordentliche gesetzliche Rente bekommt und nur eine kleine Lücke schließen muss, kann auch mit 60-70% Aktienanteil in die Rente gehen. Ebenso kann das jemand, der in der Lage ist, mit seinen Ausgaben flexibel zu reagieren und zum Beispiel einfach mit wenig auskommt, wenn es an der Börse schlecht läuft.
Übrigens, falls Dich das Thema näher interessiert, also wie die Aufteilung für Dein Portfolio aussehen soll und wie Du richtig für Dein Alter vorsorgst, auch wenn Du schon älter bist, dann schau Dir mal unser Ü50-Webinar an.
Ganz wichtig: Diese Gewichtung mit den risikoarmen Bausteinen sollte erst zu Rentenbeginn erreicht sein. Vorher büßt man sonst zu viel Rendite ein.
Wann fange ich denn dann an, mein Portfolio für die Rente umzubauen?
Spätestens 10 Jahre vor Rente sollte man anfangen, sein Rentenportfolio quasi anzustreben, also mit frischem Geld oder durch Umschichtungen.
Da gibt es eine ganz simple Methode: Nehmen wir ein Beispiel. Jemand investiert bislang 100% in Aktien, aber zur Rente ist ein 50/50-Portfolio gewünscht. Das nennt sich Zielgewichtung, also das Ziel ist, eine Aufteilung von 50% Aktien und 50% risikoarmen Bausteinen zu haben.
Dann sollte man jedes Jahr etwa 5% mehr in den risikoarmen Teil umschichten. Also: Wenn Du noch 10 Jahre bis zur Rente hast und aktuell 100% Aktien hältst, dann schiebst Du jedes Jahr 5% des Gesamtvermögens in risikoarme Anlagen wie Tagesgeld, Festgeld oder Staatsanleihen-ETFs.
Und dieser risikoarme Teil sollte in sich so aussehen, dass mindestens 2 Jahre Deiner Rentenlücke in Cash auf dem Tagesgeldkonto liegen. Der Rest kann in super sichere Staatsanleihen.
Falls Du noch gar keine Ahnung von Anleihen hast, lies mal unseren Artikel Gewinne machen wenn die Zinsen fallen? Anleihen einfach erklärt.
Ok, wie komme ich denn im Alter überhaupt an mein ETF-Geld ran?
Im Grunde ist das super simpel: Du verkaufst Anteile Deiner ETFs. Da Du selbstständig die ETFs erwirbst, kannst Du sie auch jederzeit wieder verkaufen. Das liegt völlig in Deiner Hand.
Das ist quasi der umgekehrte Sparplan: Statt jeden Monat Geld reinzuschieben, nimmst Du regelmäßig Geld raus. Die Auszahlung kann total variabel erfolgen: Man kann große Summen auf einmal entnehmen, in vielen kleinen Raten entsparen oder alles wild mischen. Du bist da komplett flexibel.
Vermutlich wirst Du Stück für Stück entsparen, also Dir eine monatliche Rente entnehmen. Das ist der typische Weg. Praktisch läuft das so: Du gehst in Dein Depot, verkaufst ETF-Anteile im gewünschten Wert, und das Geld landet auf Deinem Verrechnungskonto. Von dort überweist Du es auf Dein Girokonto. Das ist wirklich kein Hexenwerk.
Bei manchen Brokern kannst Du sogar einen Auszahlplan einrichten, der das automatisch für Dich macht – also quasi einen Sparplan in umgekehrt. Dann musst Du Dich da gar nicht jeden Monat drum kümmern. Davon raten wir aber ab, denn Du willst bei der Entnahme ja nicht immer nur an die Aktien, das haben wir ja gerade gesehen.
Worauf muss ich denn bei der Entnahme achten? Also was verkaufe ich wann: Wann Aktien, wann Anleihen, wann Tagesgeld…?
Die Grundlogik ist simpel: Du verkaufst immer den Teil, der gerade über seiner Zielgewichtung liegt, also das, was gut gelaufen ist. Dadurch stellst Du Deine Zielgewichtung automatisch wieder her. Das nennt sich Rebalancing.
Machen wir mal ein Beispiel, dann wird das sofort klar: Sagen wir, Du gehst mit 200.000 Euro in die Rente und Deine Zielgewichtung ist 50/50. Dann liegen 100.000 Euro in Aktien-ETFs, 80.000 Euro in Staatsanleihen-ETFs und 20.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto, also ca. 2 Jahre Puffer.
Du brauchst 800 Euro im Monat aus Deinem Portfolio, um Deine Rentenlücke zu schließen, also 9.600 im Jahr. Jetzt schauen wir mal, wie es aussieht.
Wenn die Börse gut läuft: Deine Aktien steigen, ihr Anteil im Portfolio wächst über die geplanten 50 %. Sie sind jetzt „zu groß“. Also verkaufst Du genau dort Deine 9.600 Euro. Du entnimmst Geld und bringst gleichzeitig Dein Portfolio wieder zurück auf Kurs. Ohne extra Aufwand, Du rebalanced quasi automatisch.
Wenn die Börse schwächelt: Die Aktien fallen und sind plötzlich untergewichtet. Dafür machen die Anleihen relativ gesehen einen größeren Anteil aus. Also entnimmst Du jetzt aus den Anleihen. Das gleiche Prinzip wie eben, nur umgekehrt.
Und was passiert im Crash? Jetzt kommt der entscheidende Unterschied: Bei einem starken Einbruch willst Du weder Aktien noch Anleihen anfassen. Du müsstest viel zu viele Aktien verkaufen, aber auch Anleihen willst Du nicht zu früh abbauen, weil Du nicht weißt, wie lange die Krise dauert. Genau dafür hast Du den Tagesgeld-Puffer. Du überbrückst diese Phase einfach damit.
Also ist das Tagesgeld Dein Sicherheitsnetz für genau solche Stressphasen. Wenn sich die Märkte wieder stabilisieren, gehst Du zurück zur normalen Logik – und füllst Deinen Puffer bei Gelegenheit wieder auf.
Du kannst Dir einfach merken: Gute Börse bedeutet, dass Du Aktien verkaufst. Schwache Börse bedeutet, dass Du Anleihen verkaufst. Crash bedeutet, dass Du Tagesgeld nutzt. Man spricht von einem Crash bei Einbrüchen um die 30%, also ist das mal eine grobe Leitplanke.
Und damit hast Du einen klaren Plan, statt spontan zu reagieren. Genau das ist in der Entnahmephase entscheidend.
Übrigens hilft Dir ein einfaches Excel-Sheet dabei, Deine Zielgewichtung im Blick zu behalten und dann systematisch zu entscheiden, aus welchem Portfolio-Baustein Du entnimmst, beziehungsweise haben wir da auch ein kleines Tool für unsere Kursteilnehmer entwickelt. Das musst Du Dir dann nicht selbst ausrechnen.
Aber kann ich nicht einfach von Dividenden leben, statt zu verkaufen? Ist das nicht sowieso sicherer?
Die kurze Antwort ist: Um allein von Deinen Dividenden leben zu können, brauchst Du ein deutlich größeres Vermögen. Denn Du könntest ja keine Anteile verkaufen.
Aber auch Dividenden werden in Krisen gekürzt oder gestrichen – darauf verlassen kann man sich also auch nicht. Deswegen braucht es auch weiterhin einen risikoarmen Teil.
Und ehrlicherweise macht es überhaupt keinen Sinn, von seinen Dividenden leben zu wollen: Es ist mathematisch egal, ob Du Geld durch den Verkauf von Anteilen oder durch Dividenden erhältst. Beide Varianten verringern den Gesamtwert Deines Portfolios gleich stark. Das fühlt sich zwar anders an, ist es aber nicht – das nennt sich der Dividenden-Fehlschluss.
Falls Dich das Thema im Detail interessiert, lies in unserem Artikel Warum wir nicht mehr in Dividenden-ETFs investieren mehr darüber.
Und extra zur Rente auf ausschüttende ETFs umzustellen, wäre sogar schädlich: Du müsstest Deine thesaurierenden Anteile verkaufen, dabei werden sofort die kompletten Steuern auf die bisherigen Gewinne fällig und Du hast am Ende weniger Geld. Also raten wir: Finger weg von Dividenden-Strategien.
Ok, aber vielleicht fragst Du Dich auch: Wie viel Geld brauchst Du eigentlich später mindestens, wenn Du in den Ruhestand gehst?
Das ist eine sehr wichtige Frage, aber auf den ersten Blick leider echt schwer zu beantworten. Viele geben daher schnell auf und verdrängen das Thema wieder, weil sie sich total überfordert damit fühlen, eine Antwort auf die Frage zu finden. So ging uns das früher auch.
Das Problem ist aber: Wenn ich nicht zumindest einigermaßen grob für mich abschätzen kann, was ich später brauchen werde, kann ich mir ja auch kein sinnvolles Sparziel setzen. Ich kann mir zwar irgendeine Zahl ausdenken, aber so habe ich ja keinen blassen Schimmer, wie viele Jahre ich später mit dem Vermögen auskommen werde. Das ist aus unserer Sicht kein schönes Gefühl, mit so einer nagenden Unsicherheit zu leben.
In unserem Artikel Wie viel Geld braucht man im Alter wirklich? schauen wir daher mal, wie Du für Dich gut abschätzen kannst, was Du später wirklich an Geld brauchen wirst, um Deinen Ruhestand zu genießen.
Dieser Artikel basiert auf einer Folge unseres Podcasts. Da wir den gesprochenen Inhalt für Dich verschriftlicht haben, kann es an manchen Stellen etwas umgangssprachlicher zugehen als in einem klassischen Blogartikel.
