Bekommst Du bei einem ETF für 5 Euro sechsmal so viele Dividenden wie bei einem ETF für 30 Euro? Schließlich gibt es beim günstigeren für dasselbe Geld sechsmal so viele Anteile. Und hast Du nicht sogar mehr von Kursgewinnen, wenn Du mehr Anteile hast? Was da dran ist, klären wir heute.
Dazu haben wir eine Frage von Nadia bekommen:
Liebe Anna, lieber Eddy, meine Frage bezieht sich auf den Preis beziehungsweise Kurs eines ETFs. In eurer Schulung sagt ihr, dass der aktuelle Kurs für die Kaufentscheidung irrelevant ist. Einige ETFs kosten aber zum Beispiel 5 €, andere um die 30 €. Ich diskutiere im Bekanntenkreis immer wieder mit jemandem, der meint, der Preis sei doch relevant. Das Argument: Für das gleiche Geld kann man viel mehr Anteile an dem günstigeren ETF kaufen. Wenn beide ausschüttend sind, gewinnt man beim günstigeren mehr, weil man viel mehr Anteile hat. Angenommen, beide ETFs sind komplett gleich, wäre der Kurs dann nicht doch ein Kriterium?
– Nadia
Auf den ersten Blick erscheint das logisch. Also für 600 Euro beispielsweise bekommst Du vom 5-Euro-ETF 120 Anteile. Vom 30-Euro-ETF nur 20. Und die Ausschüttungen gibt es ja pro Anteil. Also 120 Ausschüttungen statt 20, das klingt nach einem klaren Sieger…
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Aber da klingt bei Dir ja schon ganz viel Skepsis durch. Sind 120 Anteile wirklich besser als 20? Und wenn nicht – wie kann das sein?
Um das zu verstehen, müssen wir uns kurz anschauen, was so ein ETF-Anteil eigentlich ist. Ein ETF ist ja ein großer Topf voller Aktien.
Und damit man etwas von diesem Topf kaufen kann, wird er in Anteile aufgeteilt. In wie viele, das legt der Anbieter am Anfang einfach fest. Der eine teilt seinen Topf in 5-Euro-Stücke, der andere in 30-Euro-Stücke. Das ist eine reine „Verpackungsgröße“ und sagt nichts darüber aus, ob der ETF billig oder teuer ist.
Das ist wie bei einer Pizza: Ob Du sie in 8 oder in 16 Stücke schneidest – es bleibt die gleich große Pizza. Mit 16 Stücken hast Du nicht mehr zu essen. Die Stücke sind nur kleiner.
Machen wir das mal ganz konkret mit unseren 600 Euro. Egal welchen der beiden ETFs Du kaufst, danach gehören Dir Aktien im Wert von 600 Euro. Einmal verpackt in 120 kleine Stücke, einmal in 20 große. Jetzt haben die Aktien ein gutes Jahr und steigen um 10 Prozent. Dann ist auch Dein Depot ein Zehntel mehr wert, nämlich 660 Euro. Und zwar in beiden Fällen.
Beim 5-Euro-ETF ist jedes Deiner 120 Stücke jetzt 5,50 Euro wert, beim 30-Euro-ETF jedes Deiner 20 Stücke 33 Euro. Rechne das gern nach; beides ergibt 660 Euro. Für Deinen Gewinn zählt also nur, wie viel Geld Du angelegt hast und um wie viel Prozent es gewachsen ist. In wie viele Stücke es dabei verpackt war, ist völlig egal.
Ok, macht Sinn mit Blick auf die Kursgewinne. Aber wie verhält es sich bei den Ausschüttungen?
Ganz genauso, und das können wir ja auch einmal durchrechnen: Sagen wir, die Firmen im ETF zahlen dieses Jahr Dividenden, und insgesamt macht das 2 Prozent aus. 2 Prozent von Deinen 600 Euro sind 12 Euro. Beim 5-Euro-ETF verteilen sie sich auf Deine 120 Anteile, da bekommt also jeder Anteil 10 Cent. Beim 30-Euro-ETF verteilen sie sich auf Deine 20 Anteile, da bekommt jeder 60 Cent.
Und was landet am Ende bei Dir? 120 mal 10 Cent sind 12 Euro. 20 mal 60 Cent sind auch 12 Euro. Beim günstigen ETF bekommst Du also nicht mehr Geld. Dasselbe Geld wird nur in kleinere Häppchen aufgeteilt. Same same.
Und der Anteilspreis ist längst nicht die einzige Denkfalle, in die man beim ETF-Kauf tappen kann. Falls Du schnellstmöglich Durchblick im ETF-Dschungel gewinnen willst, schau Dir mal unser kostenloses Webinar hier an. Darin zeigen wir Dir, was Du alles wissen solltest, bevor Du in ETFs investierst.
Aber Moment mal, wir sagen doch selbst immer: Wenn die Kurse unten sind, bekommt man mehr Anteile fürs gleiche Geld – und das ist gut. Wie passt das jetzt zusammen?
Stimmt, das sagen wir, zum Beispiel im Crash, wenn die Kurse gerade gefallen sind.
Aber da geht es um einen ganz anderen Vergleich. Im Crash schaust Du auf denselben ETF zu zwei Zeitpunkten: Die Aktien darin haben vor ein paar Wochen zum Beispiel noch 1.000 Euro gekostet, jetzt bekommst Du sie für 800. Die Anteile selbst sind also wirklich billiger geworden, so wie im Schlussverkauf, und genau deshalb lohnt sich das Kaufen da besonders.
Bei Nadias Frage vergleichst Du dagegen zwei ETFs zum selben Zeitpunkt, mit denselben Aktien zum selben Preis darin. Da ist nichts im Angebot. Der eine ETF ist nur in kleinere Stücke aufgeteilt als der andere.
Um bei der Pizza zu bleiben: Im Crash ist die Pizza im Angebot. Dieselbe Pizza kostet heute weniger als letzte Woche, Du bekommst fürs gleiche Geld also wirklich mehr Pizza. Bei Nadias Frage stehen dagegen heute zwei gleich große Pizzen zum selben Preis nebeneinander, die eine in 8 Stücke geschnitten, die andere in 16.
Und da gilt immernoch: Mehr Stücke heißt nicht mehr zu essen, die Stücke sind nur kleiner.
Worauf sollte man denn dann schauen, wenn man zwei ETFs auf denselben Index vergleicht?
Auf die Dinge, die wirklich einen Unterschied machen.
Denn wer auf den Anteilspreis schaut, übersieht schnell genau die Punkte, die ihn am Ende Geld kosten oder sogar echten Schaden anrichten können. Das sind vor allem die laufenden Kosten, also die TER, und die Fondsgröße. Dazu kommt das Fondsdomizil, also das Land, in dem der ETF aufgelegt ist. Bei ETFs mit viel USA drin macht das steuerlich einen Unterschied.
Und natürlich ist auch die Frage wichtig, ob der ETF seine Dividenden ausschüttet oder gleich wieder anlegt, also thesauriert. Das sind die entscheidenden Unterschiede – der Anteilspreis gehört nicht dazu, der ist egal!
Und was heißt das jetzt für Nadia?
Also Nadia, Du hattest das schon richtig verstanden: Der Kurs ist kein Kaufkriterium. Er sagt Dir nicht, ob ein ETF billig oder teuer ist, sondern nur, in wie viele Stücke er aufgeteilt wurde. Fürs Depot zählt, wie viel Geld Du investierst und um wie viel Prozent es wächst. Auf wie viele Anteile es dabei verteilt ist, spielt keine Rolle.
Vielleicht hilft Dir die Pizza ja bei der nächsten Runde im Bekanntenkreis 🙂 Und danke für die super Frage, Nadia!
Und apropos zu viel bezahlen: Viele stellen ihren Sparplan auf den Monatsanfang und fragen sich dann, ob sie systematisch zu teuer kaufen, weil da alle gleichzeitig investieren. Ob an diesem Verdacht was dran ist, liest Du in unserem Artikel ETF-Sparplan am Monatsanfang zu teuer?.
Dieser Artikel basiert auf einer Folge unseres Podcasts. Da wir den gesprochenen Inhalt für Dich verschriftlicht haben, kann es an manchen Stellen etwas umgangssprachlicher zugehen als in einem klassischen Blogartikel.
