Hast Du alte Aktien im Depot, die vielleicht sogar im Minus sind, und Du fragst Dich, ob Du sie halten und auf eine Erholung hoffen oder lieber verkaufen solltest? Darum geht es in diesem Artikel.
„Hallo Anna und Eddy, in den aktuellen Momentaufnahmen schreibt ihr, dass es gut wäre, mit früheren Anlagen (die man heute so nicht mehr kaufen würde) im Depot quasi ‚aufzuräumen‘. Jetzt habe ich in der Corona-Zeit auf Empfehlung leider (zu viele) Aktien eines Impfstoffherstellers gekauft, zu denen mir im (Comdirektbank) Depot angezeigt wird, dass vier Analysten diese sogar nachkaufen würden (was ich keinesfalls mache!), zwei würden sie halten und keiner würde sie verkaufen. Was ist denn von dieser Analysten-Einschätzung zu halten? Ein Verkauf täte mir tatsächlich schon weh (da vierstelliges Minus), aber wohl fühle ich mich mit Einzelaktien inzwischen auch nicht mehr. Könnt ihr mir hier etwas raten? Brauchen tu ich dieses Geld im Übrigen aktuell nicht, das ist nur für die Altersvorsorge gedacht. Besten Dank für eure tolle Arbeit und herzliche Grüße von Jutta“
Was taugen Analysten-Einschätzungen?
Um die Frage zu beantworten, schauen wir uns zunächst an, wie Analysten arbeiten. Analysten-Einschätzungen sind keine objektiven Wahrheiten, sondern Meinungen. Sie basieren auf Modellen, Annahmen und Erwartungen, die oft danebenliegen. Studien (s. unten) zeigen, dass Analysten systematisch zu optimistisch sind, besonders bei Kaufempfehlungen. Verkaufen rät kaum jemand, weil das bei den Unternehmen, zu denen sie berichten, nicht gut ankommt. Analysten arbeiten nämlich oft bei Banken, die auch mit den betreffenden Unternehmen Geschäfte machen. Interessenkonflikte sind daher eher die Regel als die Ausnahme.
Daraus folgt: Selbst wenn ein Unternehmen von Analysten gut bewertet wird, heißt das nicht automatisch, dass die Aktie in Zukunft besser performt als der Markt. Gute Nachrichten sind nämlich meist schon im Kurs enthalten. Das bedeutet, dass bereits eingepreist ist, dass das Unternehmen gerade beliebt ist. Damit der Kurs weiter steigt, müsste das Unternehmen die Erwartungen sogar übererfüllen. Das ist ganz wichtig zu verstehen: Alles, was schon bekannt ist an Informationen, ist bereits im Kurs eingepreist.
Was bedeutet „eingepreist“?
Stell Dir vor, in Deiner Stadt wird ein neues Wohnviertel gebaut. Alle wissen: Top-Lage, beste Schulen, grüne Umgebung – es ist schon überall in den Medien. Deshalb sind die Grundstückspreise schon extrem hoch. Du denkst vielleicht: „Wenn das alles so toll ist, dann lohnt sich ein Kauf bestimmt.“ Aber weil alle schon wissen, wie attraktiv das Viertel ist, sind diese Informationen bereits im Preis enthalten. Du kaufst also nicht „günstig mit Potenzial“, sondern bezahlst schon einen sehr hohen Preis.
Damit der Preis weiter steigt und Du später einen Gewinn machen kannst, müsste das Viertel noch mehr gehyped werden, als es aktuell der Fall ist.
An der Börse ist das genauso: Wenn ein Unternehmen beliebt ist und gut bewertet wird, dann ist das schon im Kurs eingepreist. Damit die Aktie besser als der Markt abschneidet, müsste das Unternehmen in Zukunft die ohnehin schon hohen Erwartungen übertreffen. Nur weiterhin „gut sein“ reicht nicht. Daraus folgt: Einzelaktien sind einfach immer spekulativ.
Selbst wenn alle Analysten „Kaufen“ rufen, kann der Kurs abstürzen. Auch Wirecard wurde von Analysten gelobt – bis zum Ende.
Einzelaktien im Minus: Verkaufen oder halten?
Eine solche Entscheidung musst Du leider immer alleine treffen, aber wir haben ein paar Denkanstöße für Dich. Zuallererst solltest Du Deine künftige Strategie klarhaben, der Du vertraust und die Du langfristig verfolgen willst.
Wir und andere seriöse Leute empfehlen globale Aktien-ETFs. Hierbei handelt es sich um riesige Töpfe, die zum Beispiel Tausende von Aktien beinhalten. Damit streut man das Risiko enorm und muss nicht auf einzelne Unternehmen wetten. Überleg Dir also, wie Du fortan investieren willst.
Wenn Du das klar hast, dann solltest Du auch danach handeln. Demnach wären alte Wertpapiere, die nicht mehr in Deine Strategie passen, zu verkaufen. Lass Dich dabei auch nicht davon abhalten, wenn das zu verkaufende Wertpapier gerade im Minus ist: Rein rational ist es nicht sinnvoll, darauf zu warten, bis eventuell irgendwann das Wertpapier wieder im Plus ist. In vielen Fällen wird das ohnehin gar nicht eintreten, etwa wenn es mit einer einzelnen Aktie immer weiter bergab geht.
Die Verluste solltest Du mit Deiner neuen Strategie viel wahrscheinlicher wieder aufholen können – sonst würdest Du sie ja nicht verfolgen wollen. Das ist ja der Gag dabei: Du machst ab jetzt etwas, an das Du glaubst. Und das würdest Du ja nicht tun, wenn Du denken würdest, dass sich die Aktien wieder erholen. Frag Dich also: „Würde ich heute noch einmal diese Wertpapiere kaufen?“ Wenn die Antwort „nein“ lautet, dann handele auch dementsprechend. Bisherige Verluste kannst Du als Lehrgeld abhaken.
Aber nochmal zurück zum Thema: Auch beim Investieren in ETFs kann man Fehler machen, die dafür sorgen, dass sich am Ende unser Geld nicht vermehrt, sondern sogar nur ein Bruchteil von dem übrig ist, was wir investiert haben. Welche Fehler das sind und wie Du Dich davor schützen kannst, darum geht es in dem Post 4 gefährliche ETF-Fehler, die fast jeder macht.
Studien
Bradshaw, M.T. (2004): How Do Analysts Use Their Earnings Forecasts in Generating Stock Recommendations?, The Accounting Review, Vol. 79, No. 1, pp. 25–50.
Barber, B.M., Lehavy, R., McNichols, M., Trueman, B. (2001): Can Investors Profit from the Prophets? Security Analyst Recommendations and Stock Returns, Journal of Finance, Vol. 56, No. 2, pp. 531–563.
Dieser Artikel basiert auf einer Folge unseres Podcasts. Da wir den gesprochenen Inhalt für Dich verschriftlicht haben, kann es an manchen Stellen etwas umgangssprachlicher zugehen als in einem klassischen Blogartikel.
