„Rentenpunkte kaufen, damit man Anspruch auf die gesetzliche Rente hat oder darauf verzichten und nur privat vorsorgen?“
Das ist eine Frage von unserer Zuhörerin Ann. Falls Du auch eine Frage an uns hast, kannst Du sie hier einreichen.
Was bedeutet „Rentenpunkte kaufen“?
Der Begriff klingt etwas schräg, denn gemeint sind eigentlich freiwillige Sonderzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung (GRV), mit denen man seine spätere Rente erhöhen kann. Diese Möglichkeit besteht für Angestellte unter bestimmten Voraussetzungen, wenn die zu erwartende Rente zu niedrig ausfällt. Aber auch Selbstständige können freiwillig in die GRV einzahlen.
Das wird auch gerne empfohlen, damit man als Selbstständiger eine vermeintlich sichere Rente aufbaut. Bevor wir uns mit der Frage der Sicherheit beschäftigen, schauen wir uns zunächst die Zahlen an.
Aktuell kostet ein Rentenpunkt rund 9.392 Euro. Dieser eine Punkt bringt später etwa 40,79 Euro monatliche Rente. Bei einem Renteneintritt mit 67 Jahren hätte man das eingezahlte Geld mit etwa 86 Jahren wieder herausgeholt. Da Rentenpunkte im Wert steigen können, und zwar seit dem Jahr 2000 im Schnitt um etwa 1,67 Prozent pro Jahr, würde sich die Investition unter Berücksichtigung dieser Steigerung bereits mit 84 Jahren „gelohnt“ haben.
Lohnen sich Rentenpunkte finanziell?
Der Kauf von Rentenpunkten lohnt sich also dann, wenn man mindestens 84 Jahre alt wird. Selbst dann stellt sich jedoch die Frage, ob es Alternativen gibt, bei denen man mehr herausbekommt.
Zunächst gibt es allerdings eine praktische Einschränkung: Man darf jährlich nur bis zu etwa 18.000 Euro freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Das entspricht einer monatlichen Sparrate von 1.500 Euro, was für die meisten Menschen durchaus ausreichend ist. Problematisch wird es jedoch, wenn man größere Summen auf einmal investieren möchte, beispielsweise um bisher versäumte Jahre nachzuholen. Gerade kurz vor der Rente kommt das häufig vor.
Wir erhalten viele Nachrichten von Menschen um die 60, die gerade geerbt haben und auf einen Schlag viel investieren möchten. Das ist bei dieser Obergrenze dann nicht möglich. Ein weiterer Nachteil ist die langfristige Bindung des eingezahlten Geldes. Eine vorzeitige Auszahlung ist nicht möglich, auch nicht in Notfällen.
ETFs als Alternative zu Rentenpunkten: Was bringt mehr?
Da klingt bereits einiges an Kritik durch. Was solltest Du also tun, wenn die gesetzliche Rente nicht ausreicht oder als Selbstständiger gar nicht vorhanden ist?
Eine sinnvolle Option ist die selbstbestimmte Vorsorge mit Aktien-ETFs. ETFs sind börsengehandelte Indexfonds (Exchange Traded Funds), die einen bestimmten Aktienindex nachbilden. Diese Form der Vorsorge eignet sich sowohl für Angestellte, um ihre Rentenlücke auszugleichen, als auch für Selbstständige, die ihre komplette Altersvorsorge selbst aufbauen möchten. Der große Vorteil ist die vollständige Flexibilität.
Während einzelne Aktien natürlich sehr risikoreich sind, bieten ETFs eine breite Streuung über tausende Aktien. Das senkt das Risiko erheblich. Mit weltweiten ETFs kann man vereinfacht gesagt an der globalen Wirtschaft teilnehmen.
Falls Du wissen möchtest, wie ETFs funktionieren und warum sie so gut für die Altersvorsorge geeignet sind, schau Dir unser Webinar an.
Dass ETFs hervorragend für die Altersvorsorge geeignet sind, haben wir uns nicht selbst ausgedacht. Auch Stiftung Warentest und Verbraucherzentralen empfehlen die eigenständige Altersvorsorge mit ETFs. Das sind Institutionen auf Verbraucherseite, die keine eigenen Versicherungsprodukte verkaufen wollen.
Neben der Risikominimierung durch weltweite Streuung ist auch die Rendite attraktiv. Historisch betrachtet waren im Schnitt 7 bis 8 Prozent pro Jahr möglich. Die Abkürzung „p.a.“ steht dabei für „per annum“, also jährlich. Ein weiterer Vorteil ist die Flexibilität: Einmalzahlungen sind jederzeit möglich, beispielsweise wenn man sich zu Beginn der Rente eine Weltreise gönnen möchte.
Man kann Schwankungen im Alter übrigens abfedern, indem man auch Anleihen ins Portfolio aufnimmt und nicht ausschließlich in Aktien investiert. Das sind aber Details für später.
Wichtig ist zunächst: Mit ETFs hat man deutlich mehr Flexibilität und erheblich höhere Gewinnchancen als mit Rentenpunkten.
Rechenbeispiel: So viel mehr bringen ETFs im Vergleich zu Rentenpunkten
Nehmen wir ein konkretes Beispiel. Angenommen, jemand investiert mit 50 Jahren die 9.392 Euro nicht in die gesetzliche Rentenversicherung, sondern in einen ETF und lässt das Geld bis zum Renteneintritt mit 67 Jahren liegen. Wir rechnen dabei mit einer durchschnittlichen Rendite von 8 Prozent, was dem langfristigen historischen Durchschnitt entspricht. Die jährlichen Kosten des ETFs, die sogenannte TER (Total Expense Ratio, also Gesamtkostenquote), betragen 0,1 Prozent. Außerdem gehen wir vom gleichen Inflationsausgleich aus wie bei der gesetzlichen Rentenversicherung, also 1,67 Prozent pro Jahr. In der Rentenphase wird das Geld in einem ausgewogenen Portfolio angelegt, das zur Hälfte aus Aktien und zur Hälfte aus Anleihen besteht.
Das Ergebnis: Bei einer geplanten Entnahme über 20 Jahre ergibt sich eine monatliche Netto-Rente von 129 Euro. Das ist mehr als das Dreifache dessen, was ein Rentenpunkt bringt, obwohl im Alter konservativ angelegt wird.
Man könnte einwenden: Nach 20 Jahren Rente ist man 87 Jahre alt. Was passiert, wenn man älter wird? Selbst bei einer „ewigen Rente“, also bei komplettem Vermögenserhalt ohne Aufzehrung des Kapitals, ergeben sich noch 59 Euro im Monat. Das ist immer noch deutlich mehr als die knapp 40 Euro aus einem Rentenpunkt. Außerdem kann das gesamte Vermögen vererbt werden.
Beispiel mit regelmäßiger Sparrate: Nehmen wir ein zweites Beispiel mit denselben Annahmen zu Rendite, Kosten, Portfolio-Aufteilung und Inflationsausgleich. Diesmal spart jemand ab dem 30. Lebensjahr monatlich 300 Euro in ETFs. Die daraus resultierende Rente beträgt 817 Euro monatlich, und zwar netto nach Inflation und als ewige Rente bei komplettem Vermögenserhalt. Das Kapital könnte also noch vererbt werden.
Zum Vergleich: Mit demselben Geld könnte man 14,18 Rentenpunkte kaufen, was einer Rente von knapp 580 Euro entspricht.
Würde man das ETF-Vermögen über 20 Jahre aufbrauchen, also bis zum Alter von 87 Jahren, ergäbe sich sogar eine monatliche Rente von 1.667 Euro.
Falls Du das einmal selbst für Deine Situation ausrechnen möchtest, nutze unseren ETF-Rechner.
Was ist mit der Steuerersparnis bei der gesetzlichen Rente?
Die Einzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung kann man teilweise von der Steuer absetzen. Später muss man die Rente allerdings voll versteuern. Unterm Strich gleicht sich das ungefähr aus, weil sich die Steuerersparnis heute und die Steuerzahlung im Alter meist die Waage halten.
In unseren Beispielen haben wir bei den ETFs bereits die Steuern abgezogen, während wir bei der gesetzlichen Rente mit Bruttowerten gerechnet haben. Da wir dort aber die Steuerersparnis bei der Einzahlung nicht berücksichtigt haben, ist der Vergleich insgesamt fair.
Ist die gesetzliche Rente wirklich sicher?
Mit ETFs erzielt man zwar deutlich höhere Renditen, aber das häufige Gegenargument lautet, dass die gesetzliche Rente sicher sei. Doch stimmt das wirklich?
Die gesetzliche Rente funktioniert nach dem Umlageverfahren: Die aktuell Berufstätigen zahlen mit ihren Beiträgen die Renten der heutigen Ruheständler. Das Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Rentnern verschiebt sich jedoch dramatisch. Vor rund 60 Jahren kamen in Westdeutschland auf einen Rentner noch sechs Beitragszahler. 1973 waren es nur noch vier Erwerbstätige, 1988 dann drei, und heute finanzieren lediglich zwei Arbeitende die Rente eines Rentners.
Laut Projektionen des Instituts der deutschen Wirtschaft werden bis 2050 auf einen Rentner nur noch etwa 1,3 bis 1,5 Beitragszahler kommen. Die Konsequenz ist absehbar: Entweder sinkt das Rentenniveau weiter, oder das Eintrittsalter muss steigen. Beides passiert bereits.
Die lebenslange Auszahlung ist zwar garantiert, aber die Höhe der Rente bleibt ungewiss. Ich persönlich vertraue eher dem weltweiten Aktienmarkt, der die gesamte globale Wirtschaftskraft abbildet. Das deutsche Rentensystem basiert zwar ebenfalls auf Wirtschaftskraft, aber eben nur auf der deutschen. Das erscheint mir zu riskant und außerdem nicht nachhaltig. Die Reformbedürftigkeit des Systems wird schon lange kritisiert, aber grundlegende Änderungen bleiben aus.
Aber was ist mit ETF-Versicherungen, die man von der Steuer absetzen kann? Ist das nicht das Beste aus beiden Welten, weil man einerseits mehr Sicherheit hat, andererseits in renditestarke ETFs investiert und dazu noch Förderungen erhält? Diese Frage behandeln wir im Video „3 ‚ETF-Tipps‘ auf die (fast) jeder reinfällt“ als ersten Punkt.
Dieser Artikel basiert auf einer Folge unseres Podcasts. Da wir den gesprochenen Inhalt für Dich verschriftlicht haben, kann es an manchen Stellen etwas umgangssprachlicher zugehen als in einem klassischen Blogartikel.
