Vielleicht hast Du auch schon mal solche Anzeigen für staatliche Förderung von ETF-Sparplänen gesehen auf Instagram, Facebook oder YouTube. Da steht dann zum Beispiel: „Jetzt 115 Euro Förderung vom Staat sichern, wenn du monatlich 200 Euro in ETFs investierst.“ oder „42 % Steuerersparnis, effektiv nur 174 Euro investieren, aber 300 Euro arbeiten für dich, lebenslange Auszahlung, mehr Gewinn bei weniger Risiko.“ Das klingt erstmal nach einem super Deal, denn Du legst 300 Euro Geld an, zahlst aber nur 174 Euro. Das Problem ist jedoch, was diese Werbeanzeigen Dir NICHT sagen. Dahinter kann nämlich eine ziemlich teure Kostenfalle stecken, die die meisten leider erst zu spät bemerken.
Die Botschaft dieser Anzeigen ist im Kern immer dieselbe: Mit der richtigen Strategie kannst Du bis zu 42 Prozent Steuerersparnis bekommen.
Das bedeutet, Du musst selbst weniger investieren, während mehr Geld für Dich arbeitet. Manche Anbieter nennen das sogar wortwörtlich „Cashback vom Finanzamt“. Wenn Du hingegen selbst in ETFs investierst, zahlst Du angeblich zu viele Steuern, verschenkst Förderungen und bremst Deine Rendite, ohne es zu merken.
Im Grunde steht da einfach, dass man eigentlich dumm ist, wenn man die „steuergeförderten ETF-Sparpläne“ nicht nutzt.
Was steckt wirklich hinter steuergeförderten ETF-Sparplänen?
Hinter solchen Anzeigen bzw. Angeboten stecken in der absoluten Mehrzahl Versicherungsmakler oder -vermittler, keine unabhängigen Berater.
Und was verkaufen Makler? Sie verkaufen Lebensversicherungen, Rentenversicherungen und fondsgebundene Policen. Sie verkaufen keine ETF-Sparpläne als Bankprodukt. Wenn ein Makler „ETF-Sparplan“ sagt, meint er in 99 Prozent der Fälle eine fondsgebundene Rentenversicherung.
Und wenn er „steuergefördert“ sagt, meint er fast immer Rürup.
Sind das also Versicherungen, und es gibt gar keine geförderten ETF-Sparpläne? Ja, genau! In Wahrheit gibt es leider kein einziges deutsches Fördermodell, das einfach nur auf ETF-Sparpläne geht. Das wird zwar gerade diskutiert, Stichwort Altersvorsorge-Depot, aber ETFs selbst sind aktuell steuerlich NICHT förderfähig und werden es vermutlich auch nicht.
Denn nach allem, was bislang geplant ist, sieht das nicht nach „einfach ETF-Sparplan im normalen Depot + Förderung“ aus. „Steuergeförderter ETF-Sparplan“ ist daher reines Marketing-Vokabular. Gefördert werden nur Altersvorsorgeprodukte, nicht ETFs. Die ETFs liegen dann also zwangsweise in einer Versicherung, sozusagen verpackt. Förderfähig ist nämlich nur der Beitrag, der in den Vertrag fließt.
Rürup, Riester, bAV: Welche Verträge sich hinter den Anzeigen verbergen
Formal möglich sind nur bestimmte Produkte. Die Basisrente, also Rürup, mit ETF-basierten fondsgebundenen Policen ist die häufigste Variante. Riester wäre theoretisch auch möglich, ist aber extrem selten, kompliziert und streng reguliert, weshalb es vermutlich nicht in solchen Anzeigen steckt. Die betriebliche Altersvorsorge kann es indirekt sein, aber als ETF-Sparplan ist das so nicht seriös an Privatleute vermarktbar.
Wenn also jemand von „steuergefördert“ spricht, aber nicht sagt, welche Förderung genau gemeint ist, handelt es sich fast immer um eine Basisrente, sprich Rürup. Bei Riester müsste man Zulagen nennen. Bei der bAV müsste man Arbeitgebereinbindung, Entgeltumwandlung und ähnliches erklären. Das tun diese Anbieter aber nicht.
Cashback vom Finanzamt: Wie funktioniert die Steuerersparnis wirklich?
Das klingt toll, aber das Finanzamt zahlt keinen Cashback. Es gibt nur Steuererstattungen nach Sonderausgabenabzug. Genau das ist der Mechanismus von Rürup, weil man die Einzahlungen in der Steuererklärung angeben kann.
Aber warum sagen die Anbieter nicht einfach, was es ist, nämlich eine Rürup-Rente? Das ist der erste Moment, wo man skeptisch werden sollte. Diese Anbieter vermeiden konsequent bestimmte Wörter wie Basisrente, Rürup, Rentenversicherung, lebenslange Verrentung und nachgelagerte Besteuerung. Das wäre eigentlich sehr wichtig zu wissen. Stattdessen liest Du Begriffe wie „ETF-Sparplan“, „steueroptimiert investieren“, „staatlich gefördert“ und „Cashback“.
Das ist kein Zufall, denn „Rürup“ triggert sofort kritische Fragen, weil viele Leute im Hinterkopf haben, dass das teure Versicherungsprodukte sind.
Die versteckten Kosten von Rürup-Verträgen und fondsgebundenen Policen
Zunächst werden etwa 4 Prozent Deiner gesamten geplanten Einzahlungen in den ersten Jahren einbehalten, für Abschluss- und Vertriebskosten. Ein großer Teil fließt als Provision an den Vermittler, der Rest bleibt bei der Versicherung für eigene Abschlusskosten.
Das bedeutet: Nur ein kleiner Teil Deiner Beiträge geht anfangs wirklich in die Geldanlage. Der Großteil dient zunächst dazu, diese Kosten zu begleichen. Dein Geld arbeitet also zunächst nicht für Dich, sondern dafür, die Kosten der Versicherung abzuzahlen.
Aber das war ja noch lange nicht alles. Jedes Jahr fallen zusätzlich laufende Kosten an für Verwaltung, Risikoabsicherung und die Fonds selbst. Die BaFin hat für Fondspolicen untersucht, wie teuer das insgesamt wird.
Wenn man alle Kosten zusammenrechnet, ergeben sich Effektivkosten von durchschnittlich 1,8 bis 2,7 Prozent pro Jahr, bezogen auf das Vermögen im Vertrag.
Man kann das so zusammenfassen: Erst verlierst Du am Anfang durch Abschlusskosten und dann weiterhin jedes Jahr durch laufende Gebühren. Das summiert sich über die Jahrzehnte gewaltig.
Rendite nach Kosten: So viel bleibt bei Rürup-Verträgen wirklich übrig
Werner Bareis von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg bringt das Ausmaß auf den Punkt in einem Gastbeitrag auf dem Blog von Hartmut Walz. Er schreibt:
„Insgesamt dürfte die Mehrzahl der Versicherten eine Partizipationsquote von weniger als 30 Prozent an den potenziellen Kapitalmarkterträgen erreichen. Wenn die Fondspolicen dann noch mit Kapitalerhaltsgarantien ausgestattet sind, bewegen wir uns wohl im Bereich homöopathischer Dosen.“
Übersetzt heißt das: Von beispielsweise 200.000 Euro möglicher Rendite kommen bei Dir weniger als 60.000 Euro an. Der Rest, also 140.000 Euro, ist aufgefressen von Kosten und Gebühren!
Viele Policen enthalten zusätzlich Garantien, also dass am Ende wenigstens die eingezahlte Summe sicher ist. Diese sogenannten Kapitalerhaltsversprechen klingen gut, sorgen aber dafür, dass ein großer Teil Deines Geldes gar nicht in renditestarke Aktien-ETFs investiert wird, sondern super konservativ angelegt werden muss, in Anleihen oder konservative Fonds. Die bringen langfristig einfach viel weniger, dann bleibt von der Rendite fast gar nichts mehr übrig. Die Steuerersparnis bei den Einzahlungen gleicht dieses strukturelle Problem fast nie aus, sondern verschiebt es nur.
Das läuft folgendermaßen ab: Am Anfang bekommst Du Geld vom Finanzamt zurück, das fühlt sich wie ein Gewinn an. Das muss man aber sofort relativieren, denn kaum jemand wird auch nur ansatzweise das zurückbekommen, womit in diesen Anzeigen geworben wird.
Diese „bis zu 42 % Steuerersparnis“ klingt so, als würde fast jeder einfach 42 Prozent von seinen Einzahlungen zurückbekommen. Das stimmt so überhaupt nicht! Die 42 Prozent gelten nämlich nur für sehr hohe Einkommen, und auch da nicht für das ganze Einkommen, sondern eben nur für den obersten Teil. Unterm Strich heißt das: Diese 42 Prozent Erstattung sind ein Best-Case für Menschen mit hohem Einkommen. Die meisten landen in der Realität deutlich darunter, und genau deshalb steht da auch immer „bis zu 42%“. Gleichzeitig laufen im Hintergrund jedes Jahr Gebühren mit, die sich über die Zeit aufsummieren. Erst nach vielen Jahren sieht man, dass die Kosten mehr gekostet haben als die Steuerersparnis gebracht hat.
Und noch am Rande: In der Rente wird die Rürup-Rente grundsätzlich als Einkommen versteuert, also nicht nur die Gewinne wie bei eigener Anlage in ETFs, sondern die gesamten Auszahlungen! Das ist ein riesiger Nachteil, der natürlich nicht genannt wird.
Wie lange dauert es, bis ein Rürup-Vertrag Gewinne macht?
Bareis sagt dazu:
„Es braucht viele Jahre, nach meinen Beobachtungen selbst bei gutlaufenden Börsen oft mehr als zehn Jahre, bis das Vertragsguthaben überhaupt mal höher wird als die geleisteten Einzahlungen.“
Zehn Jahre lang also nicht einen einzigen Euro dazu, weil man so lange die Abschlusskosten ausgleichen muss. Abschlusskosten, die viele bei Unterschrift oft nicht mal kennen oder verstehen. Man zahlt jahrelang ein und die Kurse laufen super, aber davon hat man leider nichts.
Und wenn ich einfach selbst in ETFs investiere? Zum Vergleich sagt Bareis:
„Ein ETF-Sparplan mit 0,2% Kosten pro Jahr ist nach 10 Jahren übrigens bei einer Marktrendite von 6 bis 9% schon 30 bis 50% im Plus.“
Auch die Stiftung Warentest warnt vor den Kosten der Versicherungen. In Finanztest Ausgabe 4 aus 2023 heißt es:
„Wer im Alter frei über sein Geld verfügen möchte, für den sind Sparplan oder freie Fondsanlage im Vergleich zur Fondspolice stets die bessere Variante. Bei der Auszahlung einer fondsgebundenen Rentenversicherung fallen zwar weniger Steuern an als bei einem reinen Sparplan. Die höheren Kosten verhageln aber das Renditeergebnis. Selbst die günstigsten Versicherungen können da nicht mithalten.“
Ein konkretes Beispiel: Bei einer Sparrate von nur 100 Euro monatlich über 30 Jahre war die eigene ETF-Anlage bis zu 20.000 Euro besser als die günstigste Versicherung.
Rürup, Riester, bAV: Überall das gleiche Problem mit hohen Kosten?
Egal ob Rürup, Riester, betriebliche Altersvorsorge oder sogenannte „ETF-Versicherung“, das Muster ist immer das gleiche: hohe Kosten, lange Bindung (teils lebenslang) und geringere Rendite. Am Ende hat man jahrzehntelang eingezahlt, ohne angemessene Rendite zu erzielen. Alles, um ein Produkt zu finanzieren, das vor allem dem Versicherer nutzt.
Und das ist auch noch ein Problem: Diese Verträge sind extrem unflexibel. Ein Rücktritt oder eine Kündigung führt fast immer zu hohen Verlusten.
Und bei einer Rürup-Rente, die ja meistens über diese Anbieter vertrieben wird, gilt: Du kannst Dir das Geld gar nicht vor Rentenbeginn auszahlen lassen, selbst wenn Du auswanderst oder es dringend brauchst. Der Vertrag ist unkündbar! Eine unbedachte Unterschrift kann Dich also bis zum Lebensende vertraglich binden.
So erkennst Du, ob es sich um eine Rürup-Rente handelt
Ein einfacher Test, wenn Du so eine Anzeige siehst oder im „Beratungsgespräch“ landest (was ein Vertriebsgespräch ist, das sollte Dir klar sein 🙂 Frag einfach mal: „Handelt es sich bei Eurem Modell um eine Basisrente nach Paragraph 10 EStG?“ Kommt ein klares „Ja“, dann weißt Du, dass es sich um Rürup handelt. Kommt Ausweichen oder Drumherumreden, ist es erst recht Rürup.
Fazit: Warum Steuersparen keine gute Anlagestrategie ist
Die vermeintlichen Steuervorteile sind Lockmittel, bringen Dir aber insgesamt keinen Vorteil. Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sagt so treffend:
„Steuersparen ist keine Anlagestrategie.“
Wenn Du solche Anzeigen siehst, denk daran: Das ist wie 50 Kilometer zur Tankstelle zu fahren, um 2 Cent beim Sprit zu sparen. Am Ende zahlst Du drauf. Wenn Du beispielsweise 30.000 Euro Steuern sparst, aber am Ende netto 50.000 Euro weniger Vermögen hast, weil die Kosten der Versicherung so hoch sind, hat Dir das gar nichts gebracht.
Im Grunde zählt nur eines: Was bleibt für Dich übrig? Die Gesamtrendite, also das, was nach Kosten, Steuern und Gebühren tatsächlich auf Deinem Konto landet, ist in fast allen Fällen deutlich höher, wenn Du einfach selbst in ETFs investierst, ohne Versicherungsverpackung.
Auch bei der eigenen Anlage in ETFs kann man Steuern sparen, nur gehen die meisten das Thema völlig falsch an. Wir schauen deshalb auf die verschiedenen Optionen und deren Sinnhaftigkeit in unserem Video Steuern sparen mit ETFs? 90% machen diesen Fehler!.
Dieser Artikel basiert auf einer Folge unseres Podcasts. Da wir den gesprochenen Inhalt für Dich verschriftlicht haben, kann es an manchen Stellen etwas umgangssprachlicher zugehen als in einem klassischen Blogartikel.
