Rund 16 Millionen Menschen in Deutschland haben Riesterverträge und viele Leute sind sich unsicher: Weiterlaufen lassen, weil sowieso schon so viele Gebühren geflossen sind? Oder doch lieber kündigen und die Verluste dadurch begrenzen? In dieser Folge schauen wir uns die Antwort dazu mit verschiedenen Beispielsituationen von echten Menschen an.
Warum sich Riester-Verträge für die meisten nicht lohnen
Die Frage, ob kündigen oder weiterlaufen lassen, stellen sich so viele, weil mittlerweile fast jeder weiß, dass sich Riestern absolut nicht lohnt. Die Idee dahinter war vor gut 20 Jahren, die private Altersvorsorge staatlich zu fördern. Das Ziel war, den Menschen einen Anreiz zu geben, selbst für ihre Rente Geld anzulegen, anstatt sich nur auf die gesetzliche Rente zu verlassen, die ja vorne und hinten nicht reicht. Das Problem ist jedoch, dass die Verträge schlecht rentieren und viel zu teuer sind. Milliarden der staatlichen Zulagen fließen nicht in unsere Altersvorsorge, sondern werden für die horrenden Gebühren der Riester-Anbieter und -Versicherer verwendet.
Finanztip hat Riester deshalb auch als Desaster bezeichnet und gesagt, ich zitiere: „So wurde die Riester-Rente zum Goldesel der Versicherer und Fondsgesellschaften“. Das merken auch immer mehr Leute, die hoffnungsvoll Riesterverträge abgeschlossen haben und nun auf ihre jährlichen Auswertungen schauen, um mit einem riesigen Schrecken festzustellen, dass kaum etwas dabei rumkommen wird. Nach einer Untersuchung von Finanzwende schafft von 111 untersuchten Riester- und Rürup-Verträgen (Rürup ist quasi Riester für Selbstständige) die überwiegende Mehrzahl noch nicht mal einen Inflationsausgleich, also noch nicht mal eine Rendite von 2%! Ich zitiere aus der Untersuchung: „Im Schnitt bleiben typische Förderrenten mit 0,8 beziehungsweise 1,0 Prozent Rendite deutlich darunter.“
So fordert der Verbraucherzentrale Bundesverband zusammen mit dem Bund der Versicherten und Finanzwende schon seit 2021 „Stoppt die Riester-Rente!“ Aber was machen wir jetzt mit alten Verträgen, wenn wir auf Riester „reingefallen“ sind? Dazu haben wir folgende Frage erhalten:
„Hi, ihr Lieben – vielen Dank für die immer interessanten Newsletter, die ich gerne mitverfolge. Frage: was machen mit einem Riester Vertrag, auf der Hausbank, der nicht bespart wird (…). Aktuell sind ca. 38.000€ in der Riester Rente. Empfehlt ihr den liegen zu lassen? Würde kündigen Sinn machen o. Zuviel Verlust? Vielen Dank für eure Meinung dazu. Liebe Grüsse Tanja“
Sollte man seinen Riester-Vertrag kündigen?
Riester kündigen ist fast immer ein Verlustgeschäft, denn was viele nicht wissen: Du musst alle staatlichen Zulagen und Steuervorteile zurückzahlen. Eine Beispielrechnung von Finanztip zeigt das deutlich: Aus 9.000 Euro Vertragsguthaben, in die Du selbst 7.500 Euro effektiv eingezahlt hast, werden nach Kündigung nur 6.000 Euro Auszahlung. Das entspricht einem Verlust von 1.500 Euro aus Deiner eigenen Tasche. Diese Rechnung gilt für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ohne Kinder, die das deutsche Durchschnittseinkommen verdienen. Bei 38.000 Euro Guthaben wie bei Tanja kann das also richtig teuer werden. Das liegt auch daran, dass Abschluss- und Verwaltungskosten natürlich nicht zurückerstattet werden.
Finanztip empfiehlt daher meist, den Vertrag beitragsfrei zu stellen, statt zu kündigen. Oft macht es mehr Sinn, den Vertrag einfach ruhen zu lassen. Du zahlst dann also nichts mehr ein, das bestehende Guthaben bleibt aber erhalten. Der Vorteil ist, dass der Anbieter Dir am Ende mindestens Deine Einzahlungen plus Zulagen auszahlen muss, was sich Beitragsgarantie nennt.
Eine weitere Option ist der Anbieterwechsel. Wenn Du später wieder riestern willst, aus welchen Gründen auch immer, könnte ein Wechsel in einen kostengünstigeren Riester-Fondssparplan Sinn ergeben.
Aber Achtung: Auch ein Wechsel verursacht oft Gebühren, wie Abschluss- oder Übertragungskosten. Ein Wechsel lohnt sich, wenn überhaupt, nur bei Verträgen mit hohen Förderquoten, etwa für Alleinerziehende oder Familien mit mindestens zwei kindergeldberechtigten Kindern.
Selbst dann sollte man ordentlich durchrechnen oder sich von der Verbraucherzentrale beraten lassen, denn es ist kein No-Brainer.
Das Verkaufen geht übrigens leider bei staatlich geförderten Produkten nicht, sondern nur bei privaten Lebens- und Rentenversicherungen.
ETFs als Alternative zu Riester für die Altersvorsorge
Was kann denn Tanja stattdessen für die Altersvorsorge machen? Am sinnvollsten für langfristige Geldanlage, da sind sich die seriösen Experten einig, sind globale Aktien-ETFs. Ein ETF, also ein „Exchange Traded Fund“, ist ein börsengehandelter Fonds. Aktien-ETFs bilden die Entwicklung eines Aktienindex, wie zum Beispiel den MSCI World, ab. Einfach ausgedrückt: die besten Unternehmen von einem Markt beziehungsweise einer Region oder einer Branche, wie die erste Bundesliga beim Fußball. Globale ETFs bestehen aus mehreren tausend Aktien. Man kauft also nicht einzelne Unternehmen, sondern ein dickes Paket, das vollautomatisch zusammengestellt ist mit eben den erfolgreichsten Unternehmen eines Marktes. Für globale Aktien bedeutet das: beste Aktien weltweit, die die Entwicklung der Weltwirtschaft widerspiegeln, mit durchschnittlichen historischen Gewinnen von 7-8% beziehungsweise nach Inflation 5-6% pro Jahr.
Nochmal zum Vergleich: Bei Riester schaffen die meisten noch nicht mal 0% real, weil sie eben die Inflation nicht schlagen. Ein weiterer Vorteil sind die geringen Kosten, da kein Berater oder keine Versicherung bezahlt werden muss, was gerne mal fünf- oder sechsstellige Beträge über die Anlagedauer ausmacht! ETFs sind einfach zugänglich, denn ETF-Sparpläne sind schon ab 1 Euro möglich. Sie sind super easy in der Handhabung: einmal einstellen und langfristig laufen lassen, also automatisierbar durch Sparpläne. Damit sind ETFs ideal für langfristigen Vermögensaufbau.
Wenn Du jetzt wissen willst, wie Du wissenschaftlich fundiert in globale ETFs investierst, dann schau Dir mal unser kostenloses Webinar dazu an.
Riester kündigen: Wann es sich trotzdem lohnen kann
Beitragsfrei stellen ist oft eine gute Idee, also nichts mehr einzahlen, aber auch nicht kündigen. Dabei gibt es ja die Beitragsgarantie: Man bekommt am Ende mindestens seine Einzahlungen und Zulagen zurück. Aber: Wenn das Geld dort über Jahre kaum wächst und die Inflation immer weiter an der Kaufkraft frisst, macht das dann überhaupt noch Sinn?
Also worauf ich hinaus will: Wäre es da nicht manchmal besser, den Vertrag zu kündigen, auch wenn man dann erstmal Verluste hat, und das Geld stattdessen in ETFs zu stecken, die nicht nur die Inflation ausgleichen, sondern langfristig auch echten Gewinn bringen?
Ja, auf jeden Fall! Also in den meisten Fällen ist kündigen keine gute Idee, aber es gibt Ausnahmen:
Hier ein paar grobe Orientierungspunkte: Wenn das Vertragsguthaben eher klein ist, zum Beispiel unter 10.000 Euro, und davon nur ein kleiner Teil aus Zulagen oder Steuervorteilen stammt, dann ist der Rückzahlungsverlust oft überschaubar. Es ist am besten, mal durchzurechnen, womit man bei langfristiger Anlage in ETFs rechnen kann, wenn man das Guthaben abzüglich Verluste wieder anlegt. Nehmen wir das Beispiel von oben: Dort haben wir ja 1.500 Euro verloren. Wenn die ausgezahlten 6.000 Euro ab jetzt in ETFs angelegt werden, liegt die historische Durchschnittsrendite so, dass man nach etwa 3 Jahren den Verlust von 1.500 Euro schon wieder ausgeglichen hat. Das bisherige Guthaben aus dem Riestervertrag von 9.000 Euro hätten wir nach circa 5,5 Jahren wieder erreicht.
Das Vermögen nach 10 Jahren wäre rund 12.000 Euro, und das ohne weitere Einzahlungen, staatliche Zulagen oder Förderungen! Zahlen wir die bisherigen 1.925 Euro pro Jahr weiter ein wie in dem Beispiel, kommen wir auf ein Vermögen von fast 42.000 Euro nach nur zehn Jahren, auch wieder ohne staatliche Vorteile. Je mehr Zeit Du also noch hast, um das Geld neu anzulegen (z. B. in globale ETFs), desto mehr Zeit hast Du, diesen Verlust wieder auszugleichen und darüber hinaus real Vermögen aufzubauen.
Nochmal: Das ist keine pauschale Empfehlung, sondern hängt vom Einzelfall ab. Wer kündigen will, sollte genau nachrechnen, wie groß der Schaden ist und was realistisch mit der neuen Anlage in globale ETFs über die verbleibenden Jahre erreichbar ist. Wer das nicht alleine rechnen will, kann auch zur Verbraucherzentrale gehen und sagen, dass er alternativ in ETFs investieren will.
20 Jahre Riester eingezahlt: Jetzt in ETFs wechseln?
Dazu haben wir eine weitere Frage erhalten:
„Sollte ich meine Riesterrente stoppen, obwohl ich schon 20 Jahre eingezahlt habe? Und stattdessen lieber in ETFs investieren?“— Arne
Nach 20 Jahren Einzahlungen stecken wahrscheinlich viele Gebühren schon drin, und Du hast einen Großteil der staatlichen Förderung mitgenommen. Es lohnt sich also ein kritischer Blick auf den Vertrag.
Weiter besparen ist meist nur sinnvoll bei Sonderfällen: Wenn Du mehrere Kinderzulagen bekommst (z. B. als Familie mit 2+ Kindern), dann kann sich das rein rechnerisch noch lohnen. Oder: Dein Vertrag ist besonders alt (z. B. vor 2004 mit hohem Garantiezins).
Als Alternative kommt wie bei Tanja das Beitragsfreistellen in Frage. Denn, hatten wir ja schon, negative Rendite nach Inflation ist eher der Normalfall als die Ausnahme.
Wäre für Arne kündigen eine Alternative? Das hängt stark davon ab, wie viel Arne zurückzahlen müsste, also wie viele Steuervorteile und Zulagen. Das kann bei so einer Laufzeit ja richtig viel sein! Und dann müsste noch genug Zeit bis zur Rente sein, damit die ETFs die Verluste reinholen. Da wäre ich eher skeptisch, müsste man aber wie immer ausrechnen.
Fazit für Arne: Nicht einfach kündigen, sonst musst Du alle Zulagen und Steuervorteile zurückzahlen. Stattdessen sollte man beitragsfrei stellen in Erwägung ziehen, also einfach keine weiteren Beiträge mehr einzahlen. Gerne eine Beratung bei der Verbraucherzentrale oder dem Bund der Versicherten einholen.
Falls sich für Arne beitragsfrei stellen oder sogar kündigen lohnt: ETFs sind flexibel, transparent und langfristig deutlich rentabler. Hier muss man je nach Alter nur seine Strategie etwas anpassen. Wenn die Rente zum Beispiel nicht mehr lange hin ist, empfehlen wir unbedingt, unser Ü50-Webinar anzuschauen.
Soviel zu Riester. Aber was ist mit vergleichsweise gewinnbringenden UND kostengünstigen ETF-Rentenversicherungen? Machen die wegen der Steuervorteile Sinn? Falls Dich das näher interessiert, schau Dir unseren Blogpost „Staatliche Förderung bei ETFs? Vermeide unbedingt diesen Fehler!“ an.
Dieser Artikel basiert auf einer Folge unseres Podcasts. Da wir den gesprochenen Inhalt für Dich verschriftlicht haben, kann es an manchen Stellen etwas umgangssprachlicher zugehen als in einem klassischen Blogartikel.
