10 Jahre Frugalismus: Das haben wir gelernt

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Frugalismus Learnings

Wir haben über 10 Jahre als Frugalisten gelebt. In diesem Blogpost teilen wir, was wir dadurch gelernt haben, aber auch, welche Probleme dabei auftreten können. So kannst Du entscheiden, ob sich diese Lebensweise für Dich lohnt.

Keine Lust zu lesen? Schau Dir unser Video zum Thema an:

Das Konzept des Frugalismus kann man so zusammenfassen: Spare so viel es geht, leg Dein Geld in breitgestreute Indexfonds an, bis Du so viel angesammelt hast, dass Du von Deinen Investments für immer leben kannst. Und dann winkt schon der Ruhestand.

Dann kannst Du also frühzeitig in Rente gehen, denn Du musst nicht mehr für Geld arbeiten, weil Du ja von Deinen Investments Deine Kosten decken kannst. Ob Du dann noch weiterhin arbeitest und wenn ja, wie viel und unter welchen Bedingungen, kannst Du so frei entscheiden.

Das Ziel von dem Ganzen ist natürlich, einfach mehr Freiheit zu haben, was die Lebensgestaltung betrifft und Dinge im Leben zeitlich vorzuziehen – wie zum Beispiel längere Reisen – die sonst üblicherweise für das hohe Lebensalter in der “normalen” Rente vorgesehen sind.

Um das zu erreichen, sind zwei Dinge erforderlich: Eine hohe Sparquote und möglichst früh zu starten. Dann ist das auch relativ unabhängig von der Höhe des Einkommens möglich.

Also, schauen wir nun einmal auf unsere wichtigsten Erkenntnisse aus den zehn Jahren Frugalismus. Da das eine ganz schön lange Zeit ist, hatten wir recht schnell für diesen Blogpost hier eine ewig lange Liste zusammen. Aber wir haben das Ganze runtergebrochen auf die drei absolut wichtigsten Punkte.

1. Mehr Zufriedenheit

Der Frugalismus hat einen großen Anteil daran, dass wir heutzutage ein viel glücklicheres und zufriedenes Leben führen. Das klingt vermutlich erstmal total paradox, weil man bei Frugalismus sofort an Verzicht denkt.

Wenn wir aber genau hinschauen, stimmt das gar nicht. Man muss auf gar nichts verzichten.

Was es aber braucht, ist Achtsamkeit und Selbstreflektion. So kommen wir quasi von einer eher unbewussten Lebensweise ins Bewusstsein.

Zunächst haben wir uns vor jeder Ausgabe die Frage gestellt:

Brauche ich das wirklich? Bzw. macht mich das langfristig glücklich? Denn so stellen wir sicher, dass wir nichts im Affekt kaufen.

Genau dieses Hinterfragen hat selbst noch einmal zwei Konsequenzen:

Erstens wird es super unwahrscheinlich, dass man der sogenannten Lifestyle-Inflation unterliegt. Was meine ich damit?

Bei ganz vielen Leuten steigt mit dem Gehalt im Laufe des Arbeitslebens auch der Lebensstandard. Die Kosten werden einfach mit angehoben, weil sie nun in eine größere Wohnung ziehen, sich mehr Markenprodukte gönnen und so weiter.

Das Glückslevel steigt aber leider nicht mit an! Denn wir gewöhnen uns so einfach ans neue Normal. Das nennt sich hedonistische Adaption.

Wenn wir aber immer genau hinschauen, ob uns eine Ausgabe glücklich macht, dann geben wir nicht einfach nur deswegen mehr Geld aus, weil wir auf einmal mehr haben. So unterbrechen wir diesen Automatismus.

Bei uns persönlich haben unsere steigenden Einkommen also nie dazu geführt, dass sich unsere laufenden Ausgaben erhöht haben. Wenn wir eine Sache brauchten, haben wir sie eben gekauft. Wir haben aber nie einfach mehr ausgegeben, weil wir mehr zur Verfügung hatten.

Zweitens ist die Konsequenz von dem regelmäßigen Hinterfragen, dass wir weniger Geld ausgeben, nur um anderen zu gefallen. Unser Ego ist nämlich ein ganz schöner Schlingel. Das steuert uns total aus dem Unterbewusstsein und sorgt gerne mal dafür, dass wir etwas kaufen, um gut rüberzukommen.

Und das betrifft nicht nur dicke Autos oder Designer-Möbel. Das können auch Kleinigkeiten sein wie generell Kleidung oder technische Gadgets.

Als Frugalisten fragen wir uns viel eher mal, ob man wirklich das neue iPhone haben muss. Oder ob da nicht die Vorgängerversion reichen würde? Ist es nicht ganz ehrlich so, dass wir das ganz neue iPhone haben wollen, weil wir hoffen, dass unsere Mitmenschen irgendwie zu uns aufschauen?

Wenn wir diese Fragen aufrichtig aus dem tiefsten Inneren beantworten, werden wir oft zugeben müssen: “Ich würde mir das kaufen, damit andere mich toll finden.” In irgendeiner Art und Weise – das kann auch ganz subtil sein.

Und da haben wir persönlich uns eben bewusst immer wieder gegen entschieden.

Frugalismus führt auch zu einer viel größeren Wertschätzung von dem, was man hat. Und wie heißt es so schön: Nicht das macht Dich glücklich, was Du bekommst, sondern das, was Du nicht brauchst.

Um herauszufinden, ob wir etwas wirklich „brauchen“, ist eine der besten Methoden, einfach eine Zeit lang auf die Sache zu verzichten.

Wir haben schon einige 30-Tage-Challenges (oder auch länger) gemacht. Und auch die von uns so geliebten Stoiker waren Fans vom bewussten Verzicht.

Es gibt eigentlich drei Varianten von Erkenntnissen, die wir bislang durch die gewählten Pausen gewonnen haben:

Wir wussten danach, dass wir es eigentlich gar nicht wirklich brauchen: Eddy hat noch nie getrunken, ich trinke seit 2019 keinen Alkohol mehr und hab keinerlei Verlangen danach – obwohl ich früher dachte, dass ich Wein bei einem schönen Abendessen einfach „brauche“ und so weiter. Das Gegenteil ist aber für mich der Fall: Das Leben ist ohne Alkohol so viel besser!

Oder wir wussten nach einer Zeit des Verzichts, was uns an einer Sache besonders gefällt oder wie wir sie besser nutzen können: Wir haben mal ein paar Monate komplett auf Netflix & Co. verzichtet. Danach wussten wir, dass wir einerseits auch ohne können, aber dennoch gerne mal eine Serie oder einen Film schauen. Eine weitere Erkenntnis war aber, dass wir abends keine besonders anregenden Sendungen mehr konsumieren wollen, damit wir besser schlafen können.

Oder wir können die Sache, auf die wir verzichtet haben, danach viel mehr genießen: Es gibt einige Dinge, die wir regelmäßig machen könnten, es aber bewusst nicht tun. Das Besondere soll besonders bleiben, damit wir uns nicht dran gewöhnen. Hier fällt uns zum Beispiel der Gang ins Sterne-Lokal ein, den wir mittlerweile maximal 1-2 Mal im Jahr einschlagen.

Summa summarum hat uns diese ganze Auseinandersetzung mit uns selbst extrem geholfen, uns besser kennenzulernen und herauszufinden, was uns wirklich etwas bringt im Leben.

Wir haben so unseren eigenen Weg gefunden, abseits von dem, was als „normal“ gilt und sind sehr happy damit.

2. Schneller in die finanzielle Unabhängigkeit

Das klingt jetzt erstmal offensichtlich, aber wer mehr spart, der schafft es schneller in die finanzielle Unabhängigkeit.

Wenn wir die Punkte von eben umsetzen und einen sehr bewussten Umgang mit unseren Ausgaben haben, dann führt das automatisch zu einer starken Erhöhung der Sparquote. Für Eddy und mich war es so ein leichtes, jeden Monat 50-70% zur Seite zu legen.

Und zwangsweise beschäftigt man sich dann mit der Frage: Wohin mit dem Geld? Denn auf dem Girokonto wird es ja durch die Inflation bekanntlich weniger und nicht mehr.

In der Frugalisten-Szene – und glücklicherweise auch darüber hinaus – ist für den Vermögensaufbau eine Anlage in Indexfonds, besser bekannt als ETFs, das A und O. Denn legen wir in globale Aktien-ETFs an, wird unser angelegtes Geld mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit mehr, wobei wir gleichzeitig so wenig Risiko wie möglich eingehen.

Verhältnismäßig risikoarm ist das, weil wir sehr breit anlegen. Wir investieren weltweit und branchenweit in Tausende Aktien gleichzeitig und spekulieren nicht auf die Entwicklung von einzelnen Firmen oder Branchen. Und wir investieren langfristig, damit uns kurzfristige Kursschwankungen nichts anhaben können.

Mit so einer Anlage nehmen wir einfach die Marktrendite mit. Das ist für jeden möglich und umsetzbar und die wissenschaftlich fundierte Variante der Geldanlage, die von allen seriösen Stellen empfohlen wird.

Wenn Du im Detail wissen willst, wie das mit den ETFs funktioniert, schau Dir unseren Blogpost hierzu an.

Die finanzielle Unabhängigkeit konnten wir aber nicht nur durch die deutlich höhere Sparquote viel schneller als der Durchschnitt erreichen, sondern ein Aspekt ist genau so wichtig:

Dadurch, dass wir wissen, wie wenig wir für ein richtig gutes Leben brauchen, brauchen wir auch insgesamt gar nicht so ein großes Vermögen wie jemand, der auf größerem Fuß lebt. 

Das ist also ein sich selbst verstärkender Effekt: Wer wenig ausgibt, kann mehr investieren und braucht einen niedrigeren Gesamtwert.

Was hier so offensichtlich klingt, ist ein ganz entscheidender Punkt! 

So ganz unbefleckt denken wir ja, dass ein Gutverdiener, der auch wesentlich mehr sparen kann als jemand, der frugal lebt, viel schneller in Rente gehen könnte.

Das stimmt aber oftmals gar nicht, da so jemand dennoch ein im Verhältnis viel höheres Gesamtvermögen braucht, um überhaupt mit dem Geld verdienen aufhören zu können!

Darum ist die Lifestyle-Inflation, also das mehr ausgeben, weil mehr reinkommt, so unheimlich tückisch.

Der absolute Hebel ist daher, nicht so viel zu brauchen. Denn dann können wir uns viele Jahre sparen… …ersparen.

3. Zu großer Fokus auf die Zukunft

Ja, bei all dem bewussten Ausgeben und Investieren laufen wir dennoch Gefahr, das Leben im Hier und Jetzt nicht voll auszukosten.

Ich glaube, wir persönlich haben das schon ganz gut gemacht, weil wir nie extreme Frugalisten waren, also solche, die ihre Wohnung erst heizen, wenn drei Pullis nicht mehr reichen oder nur zweimal am Tag die Toilettenspülung benutzen.

Wir haben uns eigentlich auch immer das gegönnt, was uns wirklich wichtig war. Wir sind immer verreist wie wir wollten und haben alles Mögliche unternommen.

Allerdings konnten wir das dann auch manchmal nicht so richtig genießen, weil uns das Sparen ja quasi im Blut lag. Ich erinnere mich noch an den ein oder anderen Restaurantbesuch, an dem ich viel zu viel über den Preis nachgedacht hab.

Und an der Stelle muss man echt aufpassen.

Sich selbst der gegenwärtigen Abenteuer zu berauben, indem man jeden Cent in sein Portfolio steckt, ist genauso gefährlich, wie den letzten Euro für irgendwelchen hedonistischen Quatsch rauszuhauen. Und am Ende ohne Altersvorsorge dazustehen.

Im Grunde geht es einfach darum, konstant darauf zu schauen, was einen glücklich macht. Und sorgfältig abzuwägen, wo man seine Ressourcen hinschiebt.

Warum wir heute also nicht mehr so frugal leben wie früher und eher frugalen Wohlstand praktizieren, erfährst Du in diesem Blogpost.

Verfasst von Dr. Anna Terschüren
Veröffentlichung: 27. November, 2023
LETZTE AKTUALISIERUNG: 11. Dezember, 2023
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