Unsere Erfahrungen mit Roam Research

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Im ersten Teil unserer Artikelserie habe ich bereits die grundsätzliche Funktionalität von Roam Research erläutert und beschrieben, was wir daran so genial finden. Nun berichte ich Dir von unseren Erfahrungen mit Roam und zeige Dir mal anhand von ein paar Beispielen, wie wir das Tool beruflich und privat nutzen.

Starte mit der Daily Note

Das erste, was Du siehst, wenn Du Roam aufmachst, ist eine leere Seite mit dem heutigen Datum. Sie ist der absolute Ankerpunkt.

Die Daily Note ist quasi eine Kombination aus Notizbuch und Posteingang. Hier findet bei uns alles statt: Journaling, wilde Ideen sammeln, Erinnerungen festhalten, Notizen von Meetings erstellen, Mails entwerfen etc.

Fangen wir mal an mit dem Journaling. Ich schreibe z.B. mein Dankbarkeits-Tagebuch und meinen „Braindump“ direkt morgens und starte damit in den Tag.

Damit ich nicht jeden Tag aufs neue die Struktur für mein Journaling anlegen muss, hab ich ein Template erstellt und kann es mit einem kleinen Kürzel abrufen. Das ist auch hilfreich für Blogartikel etc., damit man nie vergisst, wichtige Attribute wie Status, Tags etc. zu vergeben.

Templates kann man ganz einfach anlegen, indem man hinter den Namen #roam/templates setzt.
Mit dem Kürzel „;;+Namen“ kann man sie abrufen und überall einfügen.

Zunächst schreib ich also runter, wofür ich dankbar bin und was mir gerade durch den Kopf geht. Im Anschluss verlinke ich, was verlinkt werden soll:

Wörter direkt im Text verlinke ich mit [[eckigen Klammern]], um den Lesefluss nicht zu stören; Begriffe, die übergeordnet gelten, mit #Hashtags.

Warum mach ich das? Das Verlinken ist der absolute Clou, um später noch mal etwas mit den eigenen Notizen anzufangen und Verbindungen zu erkennen (mehr dazu im ersten Teil)!

Angenommen, Du möchtest einen Jahresrückblick machen und Dir die großartige Frage stellen: „Wovor hatte ich im letzten Jahr Angst und was ist davon wirklich eingetreten?“ Dann kannst Du Dir Deine Seite „Angst“ mal genau anschauen. Dort sind alle Einträge, die Du mit #Angst oder [[Angst]] verlinkt hast, als Linked References zu sehen.

Ebenso kannst Du Deine Gefühle allgemein vertaggen, um zu sehen, wie sich Deine Stimmung entwickelt; eine Art Freundes-Datenbank anlegen, wo Du Menschen in Deinem Leben verlinkst und Dir „ihre“ Seiten anschauen kannst, um zu sehen, was Du mit ihnen unternommen hast oder wie Du zu ihnen stehst etc pp.

Dem Ganzen sind quasi keine Grenzen gesetzt. Außerdem kannst Du alles Mögliche aus Deiner Daily Note verwenden, um neue Texte zu erstellen:

Wir schreiben z.B. viele Teile unseres zweiwöchentlichen Newsletters Momentaufnahmen basierend auf Braindump-Einträgen. Da entstehen Blitzgedanken, die wir dann später ausformulieren (mehr dazu unten unter „Erstellung eigener Inhalte“).

Wenn mir etwas unterkommt, dass sich für die Momentaufnahmen eignet, gebe ich der Notiz den #Input Momentaufnahmen. Das obere Beispiel kennst Du schon aus meinem Journal – das untere ist ein Teil aus einem Artikel von Gerd Kommer, den ich gerne für unseren Newsletter aufbereiten möchte.

Auch jegliche andere Notizen finden erst einmal ihren Platz in der Daily Note, natürlich gescheit verlinkt. Sollte daraus dann mehr werden, kann man immer noch eine eigene Seite erstellen.

Das Tolle an der Daily Note ist, dass Dein Eintrag automatisch mit dem aktuellen Datum versehen wird und Du ohne nachzudenken losschreiben kannst.

Diesbezüglich ein kleiner Tipp: Mach Dir erst dann Gedanken darüber, welche Verlinkungen Du setzen willst, wenn Du alles runtergeschrieben hast und der Kopf leer ist. So bleibt der Spaß beim Schreiben erhalten.

Infos sammeln und verarbeiten

Viele Wege fürn nach Rom (sorry, der musste sein) und genau so viele Wege gibt es in Roam, Quellen zu verarbeiten. Ich unterscheide bei meinem Vorgehen je nach „Gehalt“ der Quelle.

1. Text zu großem Teil interessant und nur kurz- oder mittellang

Lese ich einen Artikel, Newsletter o.ä., den ich richtig gut finde und vermutlich umfangreich für meine eigenen Gedanken oder Werke „ausschlachten“ will, dann kopiere ich den kompletten Text in Roam.

Z.B. hat dieser großartige Artikel hier von Mr. Money Moustache viel Inspiration für unseren Inflations-Blogpost geliefert. Also hab ich ihn komplett in Roam kopiert, Attribute wie Autor, URL und Tags gesetzt und dann alles markiert, was ich wichtig finde.

Den Artikel hab ich kopiert, in Roam gepastet und wichtige Punkte gehighlightet (tolles Denglisch, ich weiß).

Im Anschluss habe ich in eigenen Worten eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte geschrieben. Aber nicht nur das, ha! Beim Zusammenfassen sind mir schon total viele eigene Beispiele und Ergänzungen eingefallen, die ich da einfach mit reingehauen hab.

Dieser Prozess ist vermutlich der wichtigste Step, damit Informationen in Deinem Hirn verarbeitet werden.

Meine Zusammenfassung von MMMs Artikel – gespickt mit eigenen Gedanken und weiteren Beispielen.

2. Nur einzelne Aspekte interessant und/oder langer Text

Lese ich hingegen einen Text, in dem mir nur der ein oder andere Satz bzw. Absatz erinnerungswürdig erscheint, dann gehe ich anders vor. Das gilt auch für umfangreichere Werke wie Bücher, denn diese komplett in Roam zu kopieren und darin zu lesen ist ja kein schönes Erlebnis.

Ebenso nutze ich die folgende Methode, wenn ich Texte auf dem Handy lese.

Zunächst brauchen wir ein kleines Super-Tool, das auch schon vor der Entdeckung von Roam für schwere Begeisterung bei uns gesorgt hat: Readwise*.

Mit Readwise kann man Highlights aus seinem Kindle, Instapaper, Twitter, Hypothesis, PDFs, weiß der Kuckuck was automatisch importieren und an Roam schicken. Dort werden dann für jede Quelle Seiten angelegt.

Das hat Readwise ganz alleine mit meinen Kindle-Markierungen gemacht! Ich hab nur die Importeinstellungen angepasst.

Im nächsten Schritt kannst Du auch hier nochmal weitere Tags setzen, wichtige Aspekte hervorheben und in eigenen Worten zusammenfassen.

BTW: Readwise* kann viel mehr, z.B. bekomme ich täglich fünf Daily Highlights, also fünf Markierungen, die ich irgendwann mal in Kindle-Büchern gesetzt hab. Das ist großartig, weil man sich somit immer wieder mit den besten Stellen aus seinen Büchern befasst. Das nur am Rande.

So vermeidest Du Überforderung

Ein kleiner Tipp zum Start: Bevor Du jetzt durchdrehst und alle Texte / Notizen / Listen aus jeglichen Apps und Co. aus Begeisterung nach Roam umziehst oder für jedes Buch, dass Du jemals gelesen hast, eine Progressive Summarization schreiben willst: relax!

Wir sammeln (und kreieren) auch erst, seitdem wir das Tool haben, frische Inhalte in Roam, aber versuchen keinen umfangreichen Umzug alter Notizen. Das ist einfach überfordernd und auch für Ordnungsfreaks, die gerne aufräumen, schwer zu packen.

Erstellung eigener Inhalte

Jeder wertvolle Artikel / Post / Podcast basiert auf guten Quellen. Ganz selten produziert man etwas, dass komplett der eigenen Fantasie entspringt (und die wird ja auch von irgendwas geprägt sein 🙂

Wenn Du in Roam künftig alles sammelst und ordentlich verlinkst, hast Du für Deine neuen Inhalte immer ordentliche Grundlagen am Start.

Als ich den Artikel zur Inflation geschrieben hab, hatten wir schon ein paar gute Quellen zu #Inflation zusammen. Und nun kommt das beste: Man kann z.B. eine neue Seite erstellen, um darin den Blogpost zu schreiben – gleichzeitig die Quellen zum Thema in der Sidebar öffnen. Sie ist quasi wie ein zweiter Monitor.

In der Hauptansicht (links) schreibe ich meinen eigenen Artikel. Parallel öffne ich den MMM-Artikel in der Sidebar (rechts) und checke, was ich von meiner Zusammenfassung / meinem Brainstorming übernehmen und ausformulieren will.

Das ist aus meiner Sicht ein absoluter Gamechanger. Denn hier kann man nicht nur parallel lesen, sondern auch komplette Blöcke in den Post rüberziehen. Und auch dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Entweder verschiebt man Blöcke komplett, verlinkt oder kopiert sie oder wandelt sie in Text&Alias um. Letzteres ist mein Favorit, denn so kann man den Text verändern, behält aber einen Link zum Original. Klickt man darauf, kommt man sofort zur Quelle. Somit muss man nie wieder suchen, wo man etwas herhatte. Wahnsinn!

Man kann sogar eine Seite doppelt öffnen – also in der normalen Ansicht UND in der Sidebar – um z.B. oben in ihr zu schreiben, während man gleichzeitig weiter unten Text liest.

Auch sehr nett: Roam hat kleine toDo-Komponenten, mit denen man schnell festhalten kann, was noch zu tun ist. Noch mehr nützliche Funktionen und Formatierungshilfen findet man übrigens, wenn man „/“ eingibt.

ToDos, Daten, Berechnungen, Word Count, … – kannste alles mit / einfügen.

Was wir an Roam nicht so gut finden

Nach der ganzen Lobhudelei gibt es auch ein paar Worte der Kritik. Man sollte sich bewusst sein, dass Roam noch sehr jung ist und die Jungs und Mädels gerade ganz schön am ackern sind, um der großen Nachfrage hinterherzukommen.

Unsere Kritikpunkte sind allerdings keine Dealbreaker:

  • Bislang gibt es keine native App (die soll aber bald kommen). Man kann natürlich am Handy Roam über den Browser nutzen (dafür gibt es auch einen Shortcut). Das ist schon fast wie eine eigene App, aber eben nur fast und nicht super komfortabel.
    Update: Seit neustem gibt es die Mobile App, juchu! Funktioniert genau so wie am Rechner.
  • Manche nutzen Roam sogar für Projektmanagement – aus unserer Sicht ist da aber eine ordentliche Kalender- und Datenbankstruktur unschlagbar, wie Notion sie bietet. Das ist jetzt erstmal nicht weiter schlimm, wenn man bereit ist, beides zu nutzen.
  • Beim Übertragen von Texten – z.B. in WordPress – ist ein Umweg über ein GoogleDoc oder ähnliches kaum umgänglich. Roam nutzt das Markdown-Text-Format, weshalb man bei Formatierungen aufpassen muss. Zwar gibt es eine kleine Anwendung, um z.B. alle eckigen Klammern zu löschen, aber für die Veröffentlichung bedarf es meist noch ein paar mehr Anpassungen. Dauert aber nicht lange und mit „Suchen und Ersetzen“ & Co. ist man da schnell fertig.
  • Funktionalitäten, um an gemeinsamen Projekten zu arbeiten, gibt es bisher kaum. Zwar kann man Seiten öffentlich teilen, aber eine sinnvolle Zusammenarbeit ist in Roam bisher nur teilweise und mit Workarounds möglich. Das Team arbeitet jedoch daran und wir freuen uns schon auf die neuen Features 🙂
  • Außerdem gibt es noch keine öffentliche API. Aber auch das ist aus unserer Sicht kein echtes Problem, denn es gibt genügend Alternativen bis Roam da weiter ist, z.B. über den oben erwähnten Readwise-Import, den Roam-Bot etc.

Fazit

Wir sind selbst noch total baff: Seitdem wir Roam nutzen hatten wir nie wieder eine Schreibblockade. Denn das beste Mittel dagegen sind viele, gut strukturierte Notizen. Roam ist quasi Dein perfektes digitales Gehirn.

Eigentlich war es nie einfacher als heute, Inhalte abzurufen, abzuspeichern und zu verarbeiten. Erstklassiges Wissen ist auf Knopfdruck verfügbar. Die Herausforderung, die uns jedoch alle immer wieder zurückwirft, ist die schiere Informationsflut (und teils auch Oberflächlichkeit) der digitalen Welt.

Roam ist für uns ein wichtiger Baustein, der es nicht nur leichter macht, mit den heutigen Herausforderungen umzugehen; wir können hiermit aus dem Vollen schöpfen und die ganzen großartigen Informationen da draußen viel besser nutzen!

Klar, man muss selbst immer noch entscheiden, was man an Artikeln und Büchern konsumiert (kleiner Tipp: Nachrichten z.B. sollten aus unserer Sicht nicht dazugehören). Hat man jedoch seine Quellen gefunden, kann man mit Roam ein astreines Wissensnetzwerk bauen.

Verfasst von Dr. Anna Terschüren
Veröffentlichung: 09. März, 2022
LETZTE AKTUALISIERUNG: 30. August, 2022
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