Viele Anleger wissen bereits: Wenn man älter wird, sollte man mehr Sicherheit ins Depot bringen, zum Beispiel durch die Hinzunahme von Anleihen. Das haben auch die ETF-Anbieter erkannt und sogenannte Multi-Asset-ETFs auf den Markt gebracht. Diese Produkte werden oft als „Rundum-sorglos-Paket“ vermarktet, denn sie enthalten nicht nur Aktien, sondern auch Anleihen.
Wir haben dazu eine Frage von Daniel bekommen:
„Hallo ihr Lieben, ich habe mich mit sogenannten Portfolio-ETFs beschäftigt, in meinem Fall etwas näher mit dem Vanguard LifeStrategy 80, da ich nächstes Jahr 50 werde und durch den Anleihenanteil ja etwas mehr Stabilität ins Depot kommen soll. Ich würde mich sehr freuen, wenn sich mal ein paar Profis wie ihr das Thema anschauen und eine Einschätzung abgeben würdet zu solchen ETFs. Über einen Beitrag eurerseits würde ich mich sehr freuen. Liebe Grüße und vielen Dank für eure grandiose Arbeit. Daniel“
Was sind Multi-Asset-ETFs?
Multi-Asset-ETFs werden auch als Portfolio-ETFs oder Asset-Allocation-ETFs bezeichnet. Sie sind eine All-in-one-Lösung, bei der Aktien und Anleihen in einem Produkt gemischt werden. Beim Vanguard LifeStrategy 80% Equity Fund sind beispielsweise 80 Prozent in Aktien und 20 Prozent in Anleihen investiert. Der große Vorteil ist, dass Du Dich um nichts kümmern musst: Du brauchst kein Rebalancing durchzuführen und keine einzelnen ETFs auszuwählen, sondern bekommst ein vorgefertigtes Paket.
Warum sollte man in Anleihen investieren?
Aber warum sollte man überhaupt in Anleihen investieren? Schmälert man damit nicht seine Rendite?
Das stimmt grundsätzlich, aber es gibt ein wichtiges Risiko, vor dem man sich in der Rente schützen muss: das sogenannte Renditereihenfolgerisiko.
Wir sagen ja immer: Aktien sollte man mindestens 10 bis 15 Jahre halten, denn historisch gesehen waren globale Aktien nach 15 Jahren allerspätestens immer im Plus, selbst im absoluten Worst-Case-Szenario. Darum empfehlen wir ja auch, Krisen einfach auszusitzen.
Aber selbst wenn Aktien lange genug Zeit hatten und man dann in Rente geht, ist ein Portfolio, das zu 100 Prozent aus Aktien besteht, riskant. Der Grund dafür liegt nicht in der langfristigen Rendite an sich, sondern in der Reihenfolge der Renditen, wenn Du regelmäßig Geld entnimmst.
Das Renditereihenfolgerisiko erklärt: Wenn zu Beginn der Entnahmephase schlechte Börsenjahre kommen und Du nur Aktien-ETFs hast, musst Du Anteile zu niedrigen Kursen verkaufen. Diese Anteile fehlen Dir dann später, selbst wenn sich der Markt erholt.
Ein konkretes Beispiel verdeutlicht das Problem: Stell Dir vor, Du hast 100.000 Euro im Depot und gehst in Rente. Im ersten Jahr fällt der Markt um 20 Prozent, sodass Dein Depot auf 80.000 Euro sinkt. Du entnimmst 5.000 Euro zum Leben und es bleiben 75.000 Euro übrig. Im zweiten Jahr erholt sich der Markt wieder um 20 Prozent. Diese 20 Prozent von 75.000 Euro ergeben 15.000 Euro, sodass Dein Depot bei 90.000 Euro steht. Obwohl die Börse insgesamt „plus/minus null“ gemacht hat (erst minus 20 Prozent, dann plus 20 Prozent), hast Du jetzt 10.000 Euro weniger im Depot, obwohl Du nur 5.000 Euro entnommen hast. Der Grund: Du musstest im schlechten Jahr verkaufen und damit Anteile zu niedrigen Kursen hergeben.
Diese Anteile fehlen dann, wenn sich der Markt später erholt.
Das Renditereihenfolgerisiko kann dazu führen, dass Dein Depot zu früh aufgebraucht wird, selbst bei einer eigentlich guten Durchschnittsrendite. Um das zu verhindern, sollte man defensive Bausteine wie Anleihen oder Bankguthaben hinzunehmen, die in schlechten Börsenphasen verkauft werden können.
Warum Multi-Asset-ETFs für die Altersvorsorge problematisch sind
Auf den ersten Blick klingt das nach einer guten Lösung für Daniel. Leider erfüllen diese Produkte aber nicht das, was sie versprechen. Die enthaltenen Aktien sind an sich okay, weil sie weltweit gestreut sind. Aber der Anleihen-Teil ist ein großes Problem.
Problem 1: Der feste Mix ist unflexibel
LifeStrategy-Fonds haben immer einen festen Mix, beispielsweise 80 Prozent Aktien und 20 Prozent Anleihen. Es findet keine dynamische Anpassung statt. Das Problem dabei ist, dass in der Ansparphase bis etwa 10 Jahre vor der Rente eigentlich Rendite verschwendet wird. Erst danach wird die Beimischung von Anleihen wichtig. Als junger Mensch sollte man so viel in Aktien-ETFs investieren, wie man emotional gut aushalten kann. Je mehr Wissen man hat, desto höher kann der Aktienanteil sein, denn das Geld wird ja nicht gebraucht. Daher gilt: Anleihen sollte man erst Richtung Rente hinzunehmen.
Aber auch in der Rente ist ein fixer Anteil problematisch, da es komplett individuell ist, wie viel Sicherheit man benötigt. Das hängt von der Rentenlücke ab: Wenn das Geld sehr sicher zur Verfügung stehen muss, weil Deine Rentenlücke groß ist, solltest Du den defensiven Anteil hoch wählen. In diesem Fall bist Du am verletzlichsten, da nahezu alle Ausgaben von Deinem Portfolio getragen werden müssen. Ein Aktiencrash zu Beginn der Rente könnte sonst sehr problematisch werden. Je weniger Du aus Deiner eigenen Vorsorge brauchst, desto mehr kannst Du Schwankungen am Aktienmarkt aushalten und damit auch mehr Aktien im Depot behalten.
Auch Dein Vermögensniveau spielt eine Rolle: Wer deutlich mehr Vermögen hat als nötig und vielleicht auch ein Vermächtnis anstrebt, kann sich eine höhere Aktienquote leisten. Wer hingegen nur knapp über dem Nötigen liegt, sollte vorsichtiger sein.
Zusammengefasst: In der Ansparphase ist ein Multi-Asset-ETF suboptimal, weil man den Anleihenanteil möglichst niedrig halten sollte. In der Entnahmephase ist er zu unflexibel, weil man je nach persönlicher Situation vielleicht einen deutlich höheren Anleihenanteil benötigt.
Problem 2: Die Anleihen haben nicht die richtige Qualität
Vanguard setzt auf Anleihen mit sogenanntem Investment Grade. Das klingt sicher, ist es aber nur bedingt. Investment Grade ist eine Bonitätsbewertung, die alles von AAA bis BBB umfasst, wobei die unteren Stufen schon deutlich riskanter sind. Für den wirklich sicheren Teil Deines Depots brauchst Du Anleihen mit sehr hoher Bonität, also AAA oder AA. Das sind Länder, bei denen die Rückzahlung praktisch garantiert ist, zum Beispiel Deutschland, die Niederlande oder Schweden.
Enthält ein ETF dagegen auch schwächere Schuldner wie Italien oder Spanien, steigt das Risiko, dass die Anleihen in Krisen im großen Stil ausfallen. Und das passiert genau dann, wenn sie eigentlich stabilisieren sollen. Wenn Dein Sicherheitsbaustein mit abstürzt, ist der Stoßdämpfer weg. Das widerspricht komplett dem Zweck, für den er eigentlich gedacht ist.
Problem 3: Alle Laufzeiten sind gemischt
Das klingt auf den ersten Blick nach breiter Diversifikation, ist aber problematisch. Langlaufende Anleihen reagieren stark auf Zinsänderungen: Wenn die Zinsen steigen, fallen ihre Kurse deutlich, und umgekehrt. Kurzlaufende Anleihen schwanken dagegen viel weniger, weil sie schnell fällig werden und laufend durch neue ersetzt werden.
In einem ETF mit allen Laufzeiten stecken also auch viele langlaufende Titel und damit mehr Zinsrisiko, als viele denken. Kurzlaufende Anleihe-ETFs passen sich am schnellsten an neue Zinsniveaus an, während bei gemischten Laufzeiten diese Erholung deutlich länger dauert.
Auch Anleihen können also stark schwanken. Für den Sicherheitsbaustein in der Rente sind die Anleihen aus dem Vanguard ETF zu riskant. Wenn Du Sicherheit willst, brauchst Du Staatsanleihen bester Bonität und möglichst kurzer Laufzeit, und zwar in Deiner Heimatwährung.
Fazit: Multi-Asset-ETFs oder eigenes Portfolio zusammenstellen?
Multi-Asset-ETFs wie die von Vanguard sind viel besser, als gar nicht zu investieren oder sich irgendwelche Rentenversicherungen aufquatschen zu lassen. So viel ist sicher.
Aber sie sind zu unflexibel und gleichzeitig nicht wirklich ausreichend, was den Sicherheitsbaustein betrifft. Viel besser ist es darum, das Ganze selbst zu machen: Du wählst selbst die Aktien- und Anleihen-ETFs aus, in der individuell richtigen Gewichtung, die sich natürlich auch im Laufe der Zeit verändern kann.
Das Gute daran ist: Wenn man sein Portfolio selbst zusammengestellt hat, kann man es auch jederzeit anpassen.
Falls Du jetzt denkst: „Oh je, das klingt aber kompliziert, wie soll ich das machen?“, dann kann ich Dich beruhigen: Es ist gar nicht so schwer und wir haben da auch eine Hilfe für Dich. Wenn Du wissen willst, wie Du Richtung Renteneintritt und in der Rente investieren solltest, dann komm in unser Ü50-Webinar.
Dieser Artikel basiert auf einer Folge unseres Podcasts. Da wir den gesprochenen Inhalt für Dich verschriftlicht haben, kann es an manchen Stellen etwas umgangssprachlicher zugehen als in einem klassischen Blogartikel.
